3. Äber die Bedeutung einer Industrialisierung der heutigen Rohstoffstaaten :c. 365
Gewiß, die tropischen Länder beginnen zu fabrizieren, — genauer gesprochen:
sie haben schon seit Jahrtausenden damit begonnen und haben, Indien und China
wenigstens, ihre Manufakte, vor allem höchstwertige kunstgewerbliche Produkte der
Textil--, der Metall--, der keramischen Industrie, nach Europa gesandt und im Aus
tausch hauptsächlich Silber daher empfangen. Die Industrie in gewissen, d. h. den
dichtbesiedelten und kulturell entwickeltsten Gebieten der heißen Zone ist kein Novum.
Ein Novum ist nur, daß diese, nachdem sie eine Reihe von Dezennien hindurch gewisse
Produkte der modernen westeuropäischen Großgewerbe in größeren Mengen importiert
hatten, jetzt anfangen, einige derselben selbst zu erzeugen, unter Anwendung der neuen
Technik.
Aber was für Indien und China und Japan gilt, gilt — vorläufig — nicht
für die tropischen Kolonialländer. Wo ist denn in den Inseln des Stillen Ozeans
— in Zentralamerika, in Brasilien, in Peru usw. — in Afrika, selbst einschließlich
Kaplands — in Australien (soweit es der heißen Zone angehört) die Industrie?
Einzelne, ganz wenige Gewerbe sind hie und da durch Schutzzölle mühsam aufgezüchtet,
mit größtenteils kläglichem Ergebnis. So lange diese an Naturschätzen so reichen
Länder arm bleiben an Arbeitskräften und Kapitalien, werden sie trotz der neuen Technik,
trotz der Möglichkeit, westeuropäische Maschinen und Werkmeister sich kommen zu lassen,
Rohstoffstaaten bleiben, — wenn sie klug sind.
Die ostasiatische Industrie wird weiter fortschreiten, in den arbeits-- und kapital
armen Kolonialländern wird, nachdem die Bevölkerung und der Wohlstand auf ein
gewisses Niveau gestiegen sind, die Industrie emporkommen, wie sie, als diese Bedingung
erfüllt war, im Osten der Vereinigten Staaten von Amerika emporgekommen ist. Aber
werden die konkreten Industrien, die dort betrieben werden, die gleichen sein wie die,
welche Westeuropa dann betreiben wird? Lind wird dort „Industrie" in so beträchtlichem
Amfangc betrieben werden, daß der Import aus Westeuropa wesentlich zurückgeht?
Beides ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. —
Die Verschiedenheit hinsichtlich des Vorkommens und der Erzeugungs-- und Ver-
arbeitungsbedingungen der Lilfs-- und Rohstoffe ist von Natur gegeben; in alle
Zukunft wird sie dahin wirken, daß die einzelnen Länder und Weltteile nicht gleichen,
sondern verschiedenen Industrien, bezüglich Spezialitäten sich widmen, d. h. sofern sie
den Geboten der wirtschaftlichen Vernunft Gehör schenken, nicht der Unvernunft, alles
selbst machen zu wollen, verfallen.
Die Verschiedenheit der sozialen Verhältnisse der Völker ist ein .Historisches,
Wandelbares; sie wird sich — vermutlich — mehr und mehr ausgleichen. Mit Steigen
der Bewohnerziffer, der intellektuellen, moralischen, ästhetischen, technischen Bildung,
des Kapitals mögen die sozialen Verhältnisse z. B. Rußlands denen Deutschlands
ähnlicher und ähnlicher werden. Dann wird zwischen beiden nicht weniger, sondern
mehr getauscht werden wie heute, — ebenso wie heute zwischen England und Deutschland
mehr getauscht wird wie einst, da jenes Industriestaat, dieses Rohstoffstaat war.
Nicht weniger, sondern mehr — nur zum Teil andere — Fabrikate werden
die Industriestaaten von heute den Rohstoffstaaten senden, nachdein deren Industri
alisierung sich vollzogen hat. Welche? Das können wir zurzeit ebensowenig sagen,
wie man in den dreißiger und vierziger Jahren hätte sagen können, in welcher Weise
Arbeitsteilung und Verkehr zwischen England und Frankreich einerseits, Deutschlands
andererseits sich gestalten würden, nachdem auch letzteres in die Reihe der Industrie
staaten eingetreten.
Die alten Industriestaaten werden die Spezialitäten pflegen, für welche die
natürlichen und sozialen Verhältnisse ihnen am günstigsten liegen, die jungen Industrie
staaten die, hinsichtlich deren ihre Arbeit relativ produküver ist als die Arbeit der
ersteren. Welche es sind, kann erst im Wettbewerbe der Zukunft sich entscheiden. Nur