242 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichter höfischer Inventionen hat er einen Teil seines Lebens
auf deutschem Boden zugebracht; im Sinne einer höfischen Re⸗
naissance schritt er auch in seinen dramatisch wirkenden Gedichten,
klassische Formen nachahmend, in klassischer Götterwelt lebend
und webend, daher. Weitaus am größten aber ist er in der
Lyrik. Seine Oden erschienen im Jahre 1618; sie haben alles,
was die Renaissancepoesie der Romanen kennzeichnet: glatte,
doch kühne Form, stürmisches Gefühl, bacchantische Leidenschaft,
üppige Phantasie, theologische Unbefangenheit; es ist, als sollte
ein Rubens der deutschen Dichtung erstehen, als tauchen die
schönsten Fassaden des Heidelberger Schlosses auf.
Noch mehr als Stuttgart fast war in der Tat die Residenz
der Pfalzgrafen am schönen Neckar seit langem unter franzö⸗
sischem Einflusse, nur daß sich hier mit diesem ständig nieder—
ländische Einwirkungen kreuzten. Heidelberg hat schon im Aus—
gange des 16. Jahrhunderts gradezu eine Dichterkolonie der
Renaissance gehabt. Hier lebte seit 1586 Paul Schede und
dichtete, vermutlich auch mit bestimmt durch seine Beziehungen
zu Orlando di Lasso und Goudimel und das daher lebendige
Interesse am Gesellschaftsliede, deutsche Lieder, Brautgesänge
und Verwandtes, im Sinne der französischen Renaissance. Hier
sehen wir gegen Ende des Jahrhunderts mehrere andere Dichter
auftreten und teilweis Wohnsizz nehmen. Im zweiten Jahr⸗
zehnte des 17. Jahrhunderts bildete sich dann hier ein poetischer
Kreis, der, dem Geschmacke des Hofes folgend, die französischen
Bestrebungen du Bellays und der Plejade, die man vor allem
in Ronsard (1582485) verkörpert sah, aufnahm: was man
wollte, war das Programm der Plejade: „direkte, selbständige
Renaissance durch Griechen und Römer; Heraustreten aus der
ritterlich-mittelalterlichen Phantasiewelt; Reinheit der Sprache
und Vervollkommnung der Form nach der Art der großen
Italiener; möglichst naher Anschluß an die Dichtungen des
Altertums, sogar bis in einzelne Gedanken und Wendungen“!.
Mittelpunkt dieser Bestrebungen wurde seit 1015 Julius Wilhelm
Vemcke S. 155.