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den, hätte jeder nur für sich gelebt, und hätte man nicht die
Gemeinschaft über sich selbst gestellt, die Gesellschaft wäre
unter den Angriffen der umgehenden Naturkräfte oder der
feindlichen Tiere untergegangen. Wenn zum Beispiel in
einem Rudel zusammenlebender Büffel micht jedes Indi—
viduum sich für die Gemeinschaft hingibt, indem es stand—
hält, wenn der Tiger die Herde an dem Punkte anfällt, wo
es im Kreise seiner Kameraden steht, — wenn jedes Indi⸗
viduum zur Rettung seines eigenen Lebens flieht, ohne sich
um die Gemeinschaft zu kümmern, dann geht diese Gesell—
schaft zugrunde. Darum ist Selbstaufopferung der erste
soziale Trieb, der bei einer solchen Tierart entstehen mußte.
„Dann die Tapferkeit in der Verteidigung der
gemeinsamen Interessen; die Treue gegen die Gemein—
schaft; die Unterordnung unter den Willen der Gesamtheit,
also Gehorsam oder Disziplin; Wahrhaftig—
ke itt gegen die Gesellschaft, deren Sicherheit man gefähr—
det oder deren Kräfte man vergeudet, wenn man sie irte—
führt, etwa durch falsche Signale. Endlich Ehrgeiz,
die Empfänglichkeit für Lob und Tadel der Gemeinschaft.
Das alles sind soziale Triebe, die wir schon in tierischen
Gesellschaften ausgeprägt finden, manche davon oft in
hohem Maße.
„Die sozialen Triebe sind aber nichts anderes als die
erhabensten Tugenden, ihr Inbegriff das Sittengesetz.
Höchstens fehlt unter ihnen noch die Gerechtigkeitsliebe,
das ist der Drang nach Gleichheit. Für deren Entwicklung
ist in den tierischen Gesellschaften freilich kein Platz, weil
sie nur natürliche, individuelle, nicht aber durch gesellschaft—
liche Verhältnisse hervorgerufene soziale Ungleichheiten
kennen.“ Die Gerechtigkeitsliebe, der Drang nach sozialer
Gleichheit ist deshalb etwas dem Menschen Eigen—
tümliches.*)
Das Sittengesetz ist ein Produkt der Tierwelt; es
lebte schon im Menschen, als er noch ein Herdentier war;
es ist uralt, denn solange der Mensch ein gesellschaftliches
) Wir können dem Leser, namentlich wenn er zur arbeitenden
dlasse gehört, nicht genug die Lektüre von Kautskhs „Ethik und
materialistische Geschichtsauffassung“ empfehlen, der wir hier vieles
entleihen. Vie Ethik ist das leßte Bollwerk, hinter welches jene
Leute, die den Arbeiter mit Hilfe der Religion in Unmündgkeit er—
halten wollen, sich verschanzen. Wenn man den irdischen Ursprung
der höchsten sitklichen Gebote durchschaut hat, dann werden vielé
zeistige Fesseln wegfallen. Auch, wird die Solidarität gestärkt,
benn man erkennt, daß sie in den ältesten Gefühlen des menschlichen
Geschlechts wurzell.