10. Alfred Krupp.
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genossen, sondern aller seiner Landsleute zu einer Stellung sich emporzuschwingen, welche
so hervorragend und einzigartig erschien, wie der Gußstahl der Kruppschen Fabrik selbst.
Das war jener selbstbewußte Vertreter des Bürgeradels, welcher in seinem Frei
heitsgefühle es verschmäht hatte, durch die Annahme der ihm angebotenen Erhebung
in den Adelstand seinen bürgerlichen Namen mit einem anderen Glanze umgeben zu
lassen, als der war, welcher aus der eigenen Tatkraft und Tüchtigkeit entstammte, in
ihnen seine fortwährende Erneuerung fand.
Alfred Krupp war von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Anzertrennlich
verband er damit jene Bescheidenheit, welche ein Kennzeichen alles tiefen Wissens ist.
Auf jedermann machte sein Wesen einen geradezu hinreißenden Eindruck. Seinen Be
amten und Arbeitern trat er stets als ein väterlicher Freund gegenüber. Er war ihnen
„ein guter, edler, lieber Äcrr", wie Herr Iencke so treffend am Grabe Alfred Krupps
ihn kennzeichnete. Das schloß freilich nicht aus, daß er von jedermann seiner Ange
stellten unbedingten Gehorsam und strengste Pflichterfüllung verlangte. War er darin
doch am strengsten gegen sich selbst. Tag und Nacht beherrschte ihn die Sorge um
das Gedeihen seiner großen Schöpfung. Tatsächlich verwandte er bis in die letzten
Lebensjahre hinein schlaflose Stunden der Nacht zur Arbeit. An seinem Bette befand
sich beständig ein Schrcibapparat mit Papier und riesigen Bleistiften, so daß er jeden
Gedanken sofort fixieren konnte. Am anderen Morgen fanden die Bogen, in seinen
energischen, großen, charakteristischen Schriftzügen seine Fragen, Befehle, Anregungen
und Erörterungen enthaltend, ihren Weg in die Fabrik. Läufig und gern fügte er
Konstruktionsskizzen bei, die er mit rascher und sicherer Land hinzuwerfen wußte.
Wer von seinen Arbeitern sich den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht
fügen wollte, den traf unerbittlich Strafe und in schlimmen Fällen die Ausschließung.
Denn das großartige Getriebe des Werkes erforderte die peinlichste Aufrechterhaltung
und Beobachtung der Ordnung. Wie sehr Alfred Krupp auf der andern Seite ein
Lerz für jeden seiner Arbeiter hatte, braucht hier nicht hervorgehoben zu werden.
Laut bezeugen das die fürsorglichen Einrichtungen, die er als der Erste unter den deutschen
Fabrikhcrrn schon zu einer Zeit ins Leben rief, da er selbst den Schwierigkeiten seiner
Lage noch keineswegs enthoben war. Das würden auch viele Tausende seiner Arbeiter
und Beamten persönlich bezeugen können, die sich niemals vergebens an ihn wandten,
wenn sie ein besonderes Anliegen hatten und bei ihrem Lerrn vertrauensvoll Rat,
Lilfe oder Anterstützung suchten. Diejenigen seiner Angestellten, welche länger auf der
Gußstahlfabrik beschäftigt waren, kannte er alle von Angesicht zu Angesicht. Noch bis
in die achtziger Jahre hinein pflegte er oft selbst in den Werkstätten zu erscheinen, um
sich persönlich davon zu überzeugen, wie dieser oder jener Auftrag ausgeführt wurde.
Als er schon längst seine Wohnung auf dem „Lüget" bei Bredeney, anderthalb Stunden
von Essen, bezogen hatte, konnte nmn ihn fast täglich früh morgens zur Fabrik reiten
sehen. In seiner dunkelgrauen Klappmütze, seinem eng anschließenden Zacket und den
hohen Reiterstiefeln hätte man den großen schlanken Mann mit dem scharfen Auge
und den feingeschnittenen geistvollen Zügen, mit der jugendlich elastischen Laltung, die
den weißen Bart Lügen zu strafen schien, eher für einen eleganten Edelmann vom
Lande gehalten, als für den Beherrscher jenes großartigen Gemeinwesens, welches
der Prinz Napoleon im Jahre 1867 nicht unrichtig als einen „Staat im Staate"
charakterisiert hatte.
Der „Staat im Staate", dazu hatte sich die Essener Gußstahlfabrik in der Tat
unter des Meisters scharfblickendem Verstände und einem unvergleichlichen Organisations
talent in Zeit von kauin zwanzig Jahren enttvickelt. Aber dieser Musterbau der Technik
nahm nicht, wie der Napoleonide befürchtet hatte, eine Sonder- oder partikularistische
Stellung dem Gesamtstaat gegenüber ein, sondern fügte sich als ein lebendiges Glied
eng dem politischen und kommunalen Organismus an, aus dem er hervorgegangen war.