Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

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Erstes Buch, Cap. 1. 
bei Priestley ist nicht einfach die Folge ungeschulten Denkens !), 
nicht einmal nur die Wirkung nationaler Traditionen, sondern 
ist vor allem erklärbar durch sein Dissenterthum. Ein im 
Kampfe gegen die staatlich geschützten kirchlichen Autori- 
täten befindliches Christenthnm konnte alle oppositionellen 
und extremen liberalen politischen Theorien acceptiren, es 
konnte für das Individuum, das allein nach seinem Gewissen 
sein Verhältniss zu Gott festsetzte, das unbedingte Recht des 
freien Forschens und Denkens beanspruchen und ausüben — 
und konnte doch Christenthum bleiben, d. h. das freie indi- 
viduelle Bedürfniss des Glaubens an einen Gott konnte un- 
gestört befriedigt bleiben. 
Ein Christenthum, das principiell Opposition machte, das 
nach Gleichberechtigung und Freiheit rang , das principiell nicht 
daran dachte, Autoritäten auszubilden zur Bindung des indivi- 
duellen Willens — ein solches Christenthum war der natürliche 
Bundesgenosse von Freidenkern und politischem Individualismus, 
und es war nicht unnatürlich, dass Politiker und Philosophen, 
die von dem Boden solchen Christenthums ausgingen, ihren 
Ausgangspunkt mit Begeisterung festhielten, zumal er ihnen 
Anbänger verschaffte, ohne sie in der Ausbildung ihrer Ideen 
irgendwie zu stören. Ein wichtiger Theil von Priestley’s 
materialistischer Philosophie, die Leugnung der Willensfrei- 
heit, liess sich sogar mit der puritanischen Prädestinations- 
lehre sehr leicht und natürlich vereinigen. 
) So erscheint es zwar Leslie Stephen 1. c. Bd. 1 S, 431: „Priestley 
carikirt die übliche englische Tendenz, einen Compromiss zwischen un- 
vereinbaren Dingen zu machen. Kin Christ und ein Materialist. 
Leidenschaftlich sympathisirend mit der französischen Revolution und 
doch festhaltend an einem Rest der Doctrinen, denen diese Revolution 
wesentlich entgegengesetzt war; ein politischer Bundesgenosse und religö- 
ser Gegner des Geistes, den Paine aussprach. Aufgebend die mystischen 
und doch beibehaltend die übernatürlichen Elemente des Christenthums. 
Rasch die Oberfläche einer Ansicht überblickend, aber unfäbig, ihre 
tieferen Tendenzen zu würdigen — so wirft er gelegentlich in scharfsich- 
tiger und belehrender Weise Licht auf eine Seite einer Streitfrage — nur 
um im nächsten Moment in rohe Dogmen und abgelebten Aberglauben 
zurückzufallen.“
	        
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