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Zweiundzwanzigstes Buch.
Priester und Schüler Kants, in den Jahren 1794-1797 für
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sönlichkeit, ist da die Meinung, habe zum Verfall der Kunst
geführt; der Unterordnung bedürfe es unter die idealische
Formenreihe der antiken gleichsam objektiven, unpersönlichen,
kanonischen Kunst. Es sind Lehren, die seitdem auf mehr als
eine Generation hin nicht ausstarben, wenn sie auch von Zeit
zu Zeit in neuem Gewande auftraten; so war noch Hegel
überzeugt, daß Winckelmann die Kunstbetrachtung dem Gesichts—
bunkte gemeiner Zwecke und bloßer Naturnachahmung entrissen
und in den Kunstwerken und der Kunstgeschichte die Kunstidee
zu finden mächtig gefordert habe; und mit ihm huldigte seine
Zeit der Ansicht, daß es in der Kunst jedenfalls nach Ideen,
ind zwar zumeist nach den Ideen der Antike zu schaffen gälte.
Was hieß das nun für die gesamte Kunst, und was
insbesondere für die Malerei? Von der Antike kannte man
m Grunde nur wenig Architektur, wenig und rein dekorative
Malerei und viel Plastik. Es verstand sich demnach, daß zunächst
die Plastik so viel als irgend möglich auf den antiken Fuß
gebracht wurde; nirgends sind die Einwirkungen der Alten
stärker und andauernder gewesen als auf diesem Gebiete. In
der Architektur glaubte man, zumal unter Berücksichtigung der
technischen Schriften der Alten, auch klassisch schaffen zu können;
wo Beispiel und Lehre versagten, folgte man Inspirationen aus
der Plastik. Wie aber gerade die führende Kunst, die Malerei
nachahmend bewältigen? Gewiß wurden hier die pompeianischen
Entdeckungen von Bedeutung. Im übrigen aber abstrahierte
man die Gesetze der Malerei von der Plastik. Leichter möglich
wurde das durch den besonderen Umstand, daß man als Meister⸗
—
mälern verehrte, wie z. B. die Laokoongruppe oder den Apoll
von Belvedere, die heute als, zumeist noch nicht einmal origi⸗
nale Denkmäler einer ins Malerische gehenden Verfallszeit
antiker Plastik erkannt sind.
Aber selbst unter diesen Umständen wurde es schwer, die
Malerei nur auf die Griechen und nur auf die Plastik ein—