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Eine weit schärfere Auseinandersebung entstand dagegen bei
den Beratungen zum „Organisationsstatut‘“, das, von Lenin entworfen,
einen strengen Zentralismus entwickelte — ganz so, wie er zurzeit in
der Organisation der Ill. Internationale anerkannt ist. Besonders der
8 1 war es, der die Geister aufeinanderplaken ließ. Lenin formulierte
folgendermaßen: „Mitglied der Partei ist, wer an einer Organisation
der Dartei teilnimmt, seine Parteimiigliedspflichten erfüllt, den Mit-
gliedsbeitrag bezahlt, die Disziplin beachtet usw.“, während Martow
die folgende Fassung vorschlug: „Mitglied der Partei ist, wer unter
der Kontrolle der Partei arbeitet und die Parteiorganisationen in
irgendeiner Weise unterstüßbf.“ In der Tat ging also der Sireit um
Fernhaltung oder Aufnahme von Mitläufern, und die Mehrheit stellte
sich in diesem Punkt auf den Standpunkt von Martow, stimmte aber
in den übrigen Paragraphen mit geringen Wortänderungen dem Ent-
wurf Lenins zu. Wie Martow selbst das Ergebnis beurteilte, zeigt
seine Aeußerung über den Parteitag: „Ich habe gesiegt, aber Lenin
hat es verstanden, nach kurzer Zeit mit Hilfe einiger anderen Punkte
meine Formel derartig zu stuben und eine solche Revanche zu nehmen,
daß von meinem Sieg schließlich nichts übrig geblieben ist“. In der Tat
führte das Ergebnis der Schlußabstimmung und das über die Be-
sekung der Redaktion der „Iskra“ zu einer Mehrheit von 25 Stimmen
gegen eine Minderheit von 23 Stimmen. „Von da leiten sich,“ wie
Zinovev feststellt, „die Bezeichnungen „Bolschewiki“ (Mehrheitler)
und „Menschewiki“ (Minderheilfler) her.“ — „Wie bekannt,“ fährt er
fort,. „ist während der Revolution in dieses Schlagwort oflimals ein
anderer Sinn hineingelegt worden. Viele waren einfach der Meinung,
daß die Bolschewiki jene seien, die möglichst viel wollen, während
die Menschewiki bereit seien, sich mit weniger zu begnügen. In
Wirklichkeit aber entstand dieses Wort, als die Mehrheit (Bolschinstwo)
für die Redaktion Plechanow-Lenin und die Minderheit (Menschinstwo)
gegen diese stimmte.“ 19)
10) Vergl. dazu die Darstellung von Lydin im „Material“ S. 67. Zinovev:
„Geschichte d. Kommunistischen Partei“ S. 86 ff. Vor allem aber das russ.
Darteitagsprotokoll. Übrigens stellen auch Maulner im „Bolschewismus“,
Stuttgart 1920, und Sonja Rabinowib: „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung
in Rußland“, Berlin 1914, S. 88, die Sachlage ähnlich dar. Die diesbezüg-
lichen Quellen und Ansichten sind deshalb gründlich angeführt, weil das
immerhin brauchbare Werk von. Professor A. von Hedenström: „Ge-
schichte Rußlands von 1878—1918“, Berlin-Stuttgart 1922, das in Deutsch-
land ziemlich verbreitet ist, eine irrige ‚Auffassung über die An-
schauungen Lenins wiedergibt. Siehe S. 104 u. 109. Neben der anders-
lautenden Erklärung der Entstehung der ‚Parteinamen „Bolschewiki“ und
„Menschewiki“ ist besonders die Annahme: „der Zarismus müsse mit Bomben
und Dynamit schonungslos: vertilgt werden“ als +aktisches Proaramm Lenin’s