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Der Straßenbau.
Die Straße über den Mont Cenis verdankt ebenfalls Napoleon I. ihre Entstehung.
Der Entwurf rührt von dem Ingenieur Dausse her. Diese Straße, deren Länge ungefähr
9 Stunden beträgt, hat einen Kostenaufwand von fast 5 Millionen Mark erfordert. Auf
derselben wurde im Jahre 1812 Papst Pius VII. von Gendarmen nach dem ihm von
Napoleon angewiesenen Ort Fontainebleau geleitet.
Bereits früher als die vorstehend genannten Alpenstraßen war eine andere Gebirgs
straße entstanden, welche aus dem Etschthal in Tirol über das Stilfser Joch durch das
Beltlin längs dem Comer See nach Mailand führt. Diese Verbindung wurde unter
Kaiser Franz I. (1745 bis 1765) begonnen. Für ihre Entstehung waren ebenfalls in erster
Linie militärische Gesichtspunkte maßgebend. Diese Schöpfung ist ein Werk der Ingenieure
Domigani und Dominici. Tausende von Arbeitern waren drei Jahre lang an dem Werke
beschäftigt. Vielfach hingen dieselben während der Arbeit an Stricken oder schwebten auf
kleinen Stellagen über den Abgründen. Die malerischsten Partien der Straße befinden
sich bei Trafoi und Bormio. Abb. 32 zeigt das Bild, welches die Straße von der
Franzenshöhe aus gewährt. Bei Bozen vereinigt sich die Stilfserjochstraße mit der großen
Straße, welche von Innsbruck über den Brenner nach Italien führt. Die von der
Stilfserjochstraße erreichte Paßhöhe übertrifft die der übrigen Alpenstraßen. Es liegt
der höchste Punkt der Simplonstraße 2010 in, der Bernhardinstraße 2063 in, der Mont-
Cenisstraße 2071 in, der St. Gotthardstraße 2114 m, der Splügenstraße 2117 rn, der
Julierstraße 2287 m, der Septimerstraße 2311 m, der Straße über das Stilfser Joch
2930 in über dem Meeresspiegel.
Der Bau der Splügenstraße ist als ein denkwürdiges Ereignis in der Ingenieur-
welt zu bezeichnen, da bei demselben infolge des ungemein steil abfallenden Bergteiles
auf italienischer Seite vom Splügenpaß bis nach Chiavenna ganz außerordentliche
Terrainschwierigkeiten zu überwinden waren. Um einer gänzlichen Ablenkung des Ver
kehres von ihrem Gebiete vorzubeugen, schritten die inneren Kantone der Schweiz zur
Ausführung der Gotthardstraße. Diese Straße (Abb. 31) erfreute sich ihrer Felsen-
gewölbe und ihrer schwindelnden Brücken wegen, wie nicht minder infolge ihrer kühnen
Sprengungen und ihrer künstlichen Linienführung einst eines hohen Ruhmes. In dem
Jahre ihrer Vollendung (1830) fand auf englischem Boden jenes weltbewegende Ereignis,
die Eröffnung der Bahn von Liverpool nach Manchester, statt, das wenige Jahrzehnte
später auch in der Schweiz Schienenwege entstehen ließ, die gleichsam mit magnetischer
Kraft den Verkehr an sich zogen und den Alpenstraßen einen nicht geringen Teil ihrer
Bedeutung entzogen.
In Deutschland datiert der moderne Straßenbau aus dem Anfange dieses Jahr
hunderts, die Klagen über schlechte Wege gehörten bis dahin zu den alltäglichen Er-,
scheinungen. So beschwerte sich ein Reisender, der den 1784 .neueröffneten holsteinischen
Kanal (Eiderkanal) in Augenschein nehmen wollte, über die barbarischen Wege in Holstein
und äußerte den frommen Wunsch, daß denen, die sie vernachlässigten, auferlegt werden
möchte, sie zu befahren, damit ein gewisser Teil ihres Körpers sie beim Durchstoßen
belehre, was Gemeinnützigkeit und Menschlichkeit von ihnen forderten.
Auf Napoleons Geheiß wurde im Jahre 1804 die Straße von Mainz nach Koblenz
und 1806 eine solche von Mainz nach Metz gebaut, 1809 wurden Chausseen von Mainz
nach Paris, von Nymwegen nach Basel, von Mainz nach Straßburg und von Oppenheim
nach Kreuznach angelegt.
Ebenso kam auf Napoleons Befehl die Heerstraße zwischen Wesel und Hamburg zur
Ausführung. Durch diese Straße sollte eine schnelle Verbindung mit den nördlichen
Departements geschaffen werden. Napoleon erteilte 1811 den Auftrag zu den Arbeiten,
die unter dem Divisions-Inspektor Tarbe begannen. Die Straße wurde über Scharnbeck,
Dülmen, Münster, Telgte, Iburg, Osnabrück, Bohmte, Diepholz, Bassum, Bremen, Otters
berg, Rothenburg, Tostedt und Harburg nach Hamburg geführt. Innerhalb zwei Jahren
wurde der Bau vollendet. Abb. 33 zeigt den Querschnitt dieser Straße etwa 7 üm westlich
von Harburg. Über die beiden Elbarme wurden große hölzerne Brücken geschlagen.
Später wurde die Straße von Wesel nach Venlo verlängert.