Förderung der Bildung ist daher die Gefahr verbunden, Disharmonie
and Unzufriedenheit hervorzurufen, wenn die Möglichkeit der Befrie-
digung fehlt, oder nicht ein Gegengewicht geboten wird. Dazu kommt,
dass eine jede Ausbildung der geistigen Fähigkeiten eine Verfeinerung
des Nervensystems in sich schliesst, welche sowohl eine Steigerung
der Lustempfindung, wie der Unlust ermöglicht. Schon rein physisch
wird die «Schmerzempfindung eine grössere, Das Kind, das seinen
Schmerz rückhaltlos äussert, leidet bei derselben Operation weit
weniger als der Erwachsene; es hört nach kurzer Zeit zu schreien auf,
während dieser Stunden, ev. Tage nachher noch zu leiden hat. Auch
der Proletarier empfindet nicht die gleichen Schmerzen, wie jeder Chirurg
weiss, als der Gebildete. Ebenso ist auf geistigem Gebiete dem letz-
teren eine weit grössere und nachhaltigere Empfindung der Freude
eigen, aber auch eine viel tiefere Trauer. Er fühlt sich weit leichter
verletzt und leidet unter Verhältnissen, die den Ungebildeten garnicht
berühren. Er kann deshalb viel tiefer unglücklich werden als jener.
Die Bildung allein bietet daher keineswegs eine grössere Garantie des
Glückes und der Zufriedenheit, sondern gewährt nur die Möglichkeit
eines reineren, höheren Glückes, zugleich aber auch eines viel stärkeren
Gefühls des Unglücks. Der höher Gebildete ‚steht dem Ungebildeten
yegenüber, wie der Erwachsene dem Kinde. Damit ist zugleich zum
Ausdruck gebracht, dass man deshalb nicht die Unbildung bewahren
kann, um die Gefahr zu vermeiden; so wenig wie man sich selbst
gewünscht hat und seinen Kindern wünschen kann, dauernd Kind zu
oleiben.
Bedeutung der Aus dem Gesagten ergiebt sich die Notwendigkeit, nach einem
Charakter- undAusweg zu suchen, und dieser findet sich in der Ausbildung des
Jemütsbildung Charakters und des Gemütes, als Gegengewicht zur Entwicklung des
Verstandes. Nur dadurch kann erreicht werden, dass die Entwicklung
der Genussfähigkeit nicht zu Neid und Missgunst führt, unbe-
friedigte Bedürfnisse, wie schwere Schicksalsschläge die innere Har-
monie nachhaltig rauben und dem Menschen die nötige Widerstands-
fähigkeit gegen die unvermeidliche Unbill des Lebens bewahrt wird. Es
ist nun eine allgemeine Erfahrung, dass man bei der grossen Masse
der Menschen dieses nur durch eine religiöse Erziehung zu erreichen
vermag, und die menschliche Natur im allgemeinen eines solchen An-
haltes nicht entraten kann. Die Gewohnheit, sich mit Ruhe in das
Unvermeidliche zu finden und sich unter eine höhere Autorität zu
beugen, kann man dem Kinde nur auf diese Weise einflössen und es
damit für das Leben angemessen ausrüsten. Die alte, liberale Rich-
tung, welche alles von der Entwicklung des Verstandes und deshalb
von der Schule erwartete und alles durch sie zu erreichen hoffte, ging
deshalb fehl. Sie bedarf einer Ergänzung durch. Erziehung, wie sie
nur in der Familie und durch dieselbe erreicht werden kann, und es
ist eine Hauptaufgabe und eine der schwierigsten, auf diese den ent-
sprechenden Einfluss zu gewinnen, und dies wird nur durch die Kirche
zu erreichen sein.
Die Fürsorge für Schule und Kirche wird damit ausdrücklich
zu den Hauptaufgaben des Staates gezählt. Wenn man aber vielfach
für die grosse Masse der Bevölkerung, die in der Hauptsache durch