Vorwort des Herausgebers
Seit der Stabilisierung der deutschen Wirtschaft im ÄAn-
schluß an die Inflation ist „Rationalisierung“ das große
Schlagwort, das bei jeder Umstellung und bei jedem neuen
Projekt gebraucht und mißbraucht wurde. Verstanden hat
man darunter die ganze Reihe von Mitteln, den Wirkungs-
grad des Arbeitsprozesses zu steigern, vom einfachsten Ab-
bau überflüssig gewordener Kräfte bis zum kompliziertesten
organisatorischen Eingriff in die gewordene Struktur der
Fabrikation; immer handelt es sich jedenfalls in technischer
wie ‘in wirtschaftlicher Beziehung um die Form des Pro-
duzierens, die Organisation. Wie aber alle Form nur so
lange ihre Daseinsberechtigung hat, als sie lebendig ist, so
darf auch hierbei das Wertvollste, was unsere Wırtschaft
besitzt, die Lebendigkeit der Initiative, niemals durch das
Formale unterbunden werden. Organisation darf stets nur
Mittel, niemals Zweck sein.
Die lähmende Gefahr einer Organisation um ihrer selbst
willen wird um so größer, je mehr sich die Industrie zu
Interessengemeinschaften und Konzernen zusammenschließt,
zumal bei unserer deutschen Neigung zum Beamtentum, das
auch bei getreuester Pflichterfüliung doch nie die Initiative
aufbringen wird noch seinem Wesen nach kann, deren wirt-
schaftliches Handeln bedarf. Produktion und Wirtschaft
sind von ganz anderer Wesensart als behördliche Verwal-
tung und brauchen Labilität und Wagemut. Die Aufgabe
unserer Industrieführer ist es, dies der Wirtschaft, trotz
ihres Anwachsens zu Gebilden staatlicher Dimension, zu er-
halten durch die Sorge dafür, daß nicht die organisato-
tische Form und der Instanzenweg, sondern der lebendige
Inhalt regiert.
Dessau, Januar 1928.
Werner Bondi.