Die Freiheitskriege: 1809, 1818. 4439
bedingungen, nochmals bei Dresden entgegenwerfen? Etwas
nahezu Unerhörtes geschah: der Kaiser zauderte. Wiederholt
rekognoszierte er persönlich die Bewegungen der böhmischen
Armee, wie sie aus den Bergen hervorbrach. So einmal auf den
Höhen bei Ebersdorf am 9. September. „Er beobachtete viel,
seine Umgebung war aufs höchste gespannt.“ Es schien, als
solle es unbedingt zur Schlacht kommen — da entfernte er
sich von seinem Gefolge und sagte allein zum Marschall von
St.⸗“Cyr: „Ich will den Feind in dieser Stellung nicht an⸗
greifen; ich werde mich zurückziehen. Aber lassen Sie alle
Welt glauben, daß meine Absicht noch immer ist, eine Schlacht
zu liefern.“
Es war ein typischer Vorfall. Napoleon zauderte! Zauderte
bis über die Mitte des Septembers hinaus! Versuchte dann
noch einen Ausfall gleichsam gegen den von Osten her immer
näher rückenden Blücher — um wiederum zu zaudern und
unverrichteter Sache nach Dresden zurückzukehren! Was
Wunder, daß nun auch die Armee mißmutig zu werden be⸗
gann. Und schon wurden Kosaken und Parteigänger der
Verbündeten im Rücken der Dresdner Aufstellung lebendig,
schnitten Proviantfuhren ab, streiften zwis chen Saale und Elster,
ja tauchten schließlich bereits in Bremen und Kassel auf.
Es war Zeit, daß die Franzosen Dresden verließen.
Da gab ihnen, nachdem die Verbündeten die Kriegspause
zu allerlei Verhandlungen ausgenutzt hatten, von denen wir
später hören werden, Blücher den hierzu anscheinend notwen⸗
digen rücksichtslosen Stoß: eine zweite, letzte und höchste Phase
des Herbstfeldzuges begann.
Blücher brach gegen Ende September auf, um über die
Elbe zu gehen; zur selben Zeit etwa, da hinter seiner Armee
und von ihr gedeckt eine neue russische Reservearmee von
50 000 Mann unter Bennigsen heranrückte, um sich schließlich
mit der Hauptarmee zu vereinigen. Er zog von der Lausitz
aus die schwarze Elster hinab bis zu deren Vereinigung mit
der Elbe bei Wartenburg, nicht weit südlich von Wittenberg,
und erzwang hier in einem blutigen Kampfe, den vornehmlich