Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

durch Aufdeckung der im Unterbewußtsein herr- 
Schenden Kräfte und Gesetzmäßigkeiten geschaffen 
und damit auch den Geisteswissenschaften, insbeson- 
dere der Psychologie und Pädagogik, fruchtbare Anre- 
8ungen gegeben, auch bisher unverständliche Erschei- 
nungen im Kunstleben in neue Beleuchtung gerückt. 
Bei dieser Mannigfaltigkeit der in Wien vertretenen 
F Orschungsrichtungen und der Vielfältigkeit der An- 
Tegungen, die hier der junge Arzt empfangen kann, ist 
€S leicht begreiflich, daß Wien das Mekka der 
Medizinischen Welt geblieben ist, wenn sich auch 
gerade die Nachbarstaaten, die aus den Teilen des 
alten Oesterreich hervorgegangen waren, vielfach be- 
Mmüht haben, ihren Nachwuchs von Wien abzuhalten 
und ihren, zum Teil neugegründeten Hochschulen 
zuzuführen. Fin hoher Standard einer medizinischen 
Schule kann aber auch bei günstigen materiellen Be- 
dingungen erst durch mühevolle Arbeit von Genera- 
tionen errungen werden. Dies hat das weitere Aus- 
land längst erkannt und so kommen alljährlich 
Hunderte Aerzte, besonders aus Amerika, Japan, in 
Neuerer Zeit auch aus England und seinen Kolonien, 
nach Wien, um an den hiesigen Kliniken und Insti- 
üten zu arbeiten, vor allem um sich in den hier be- 
ss gepflegten Spezialfächern zu vervollkommnen. 
©sonders die Augenheilkunde unter dem Alt- 
Mr Prof. Fuchs und seinen Schülern Prof. 
D eller und Lindner, die in Wien von Politzer 
Se dete Ohrenheilkund e, die von seinen 
ülern Prof. Neumann und Alexander in 
yo Stergültiger Weise weiterausgebaut wird, die Kehl- 
9Pfklinik, die unter Prof. H ajek zu neuer Blüte 
ii wurde, die von Prof. Lorenz begründete 
schaft Pädische Klinik, das von Obersteiner ge- 
ol Cne, jetzt von Prof. Marburg geleitete Neur- 
che Institut, das Kolloidchemische 
Lab ut von Prof. Pauli, das Lichtbiologische 
Kr ratorium von Prof. Hausmann, das von Prof. 
chen Soleite Serotherapeutische Institut bilden 
die a en Anstalten der früher erwähnten Forscher 
sche vichtigsten Anziehungspunkte für die ausländi- 
tan Ste, Außerdem geben die von der Fakultät 
" teten, in vierteljährigen Intervallen abgehal- 
län de matschen Fordiildmpskurse in- und aus- 
Weiterhin Aerzten die Gelegenheit zu systematischer 
Die DB ng in möglichst geringer Zeit. 
tier iebtheit des medizinischen Wiens dokumen- 
hier m KA nicht nur in der hohen Frequenz der 
sondern Tibierten Aerzte, sie zeigte sich auch beson- 
der Ve be den letzten Jahren im glanzvollen Verlauf 
der A jedensten Kongresse, so der Versammlung 
. Natomen, der Internisten, Nervenärzte, Ohren- 
und andere mehr. welche den Oesterreichern die 
‚on beiden Seiten erwünschte Gelegenheit gaben, mit 
len deutschen Kollegen in innigeren Kontakt zu 
'reten, und bei welchen immer wieder die geistige Zusam- 
nengehörigkeit Oesterreichs und Deutschlands betont 
vurde. Auf den diesen Kongressen angeschlossenen 
vissenschaftlichen Ausstellungen hatten die fremden 
\erzte Gelegenheit, unter anderem auch die hoch- 
twickelte Präparierkunst der von den Prof. Tandler 
ınd Hochstätter geleiteten Anatomenschule und 
les Pathologisch-anatomischen Institutes des Prof. 
Yaresch zu bewundern. Auch der größte medizi- 
ısche Kongreß, die Versammlung deutscher Natur- 
orscher und Aerzte, wurde einmal in der Nachkriegs- 
‚eit auf österreichischem Boden, und zwar in Inns- 
»ruck abgehalten, das gerade den Kollegen aus dem 
leiche wegen seiner wundervollen Lage mitten in 
ien Bergen auch in nicht medizinischer Hinsicht eine 
‚esondere Anziehung bietet. 
Bei allen Erfolgen, welche die Medizin Oesterreichs 
ınd besonders die Wiener Schule im letzten Jahr- 
‚ehnt errungen haben, darf man sich nicht die Schwie- 
igkeiten verhehlen, welche die notwendige Fortent- 
vicklung hemmen. Wien, einst das Zentrum eines 
nächtigen Reiches, in das Kranke aus all dessen 
’rovinzen strömten, ist des größten‘ Teiles seines 
JIinterlandes beraubt. Das Abnehmen des Zustromes 
‚eilungssuchender Kranker macht sich nicht nur in 
virtschaftlicher Hinsicht bemerkbar, sondern betrifft 
ch die Frequenz der Unterrichts- und Forschungs- 
tätten. Hiezu kommen die sozialen Verhältnisse, 
velche den größten Teil der Bevölkerung immer 
nehr zur Einordnung in Krankenkassen zwingen. 
\ber auch dadurch ist dem weiterstrebenden Arzt die 
/ertiefung in sein Fach erschwert, daß die ungünstigen 
'ozialen Verhältnisse es ihm kaum ermöglichen, auch 
ıur die wichtigsten literarischen Neuerscheinungen seines 
zebietes sich anzuschaffen. Selbst große Institute ver- 
nögen kompliziertere Apparaturen, die im Auslande 
ın den verschiedensten Orten schon seit Jahren ver- 
vendet werden, nicht aufzustellen. Fine für die Volks- 
;‚esundheit so wichtige Anstalt wie die zur Erforschung 
ler Krebskrankheit besteht nur auf dem Papier, da 
las Vermögen dieser Gesellschaft infolge Entwertung 
ler Krone vernichtet. worden ist. Hier müßte nicht 
ıur staatliche sondern auch private Hilfe eingreifen. 
Neidvoll müssen wir Oesterreicher nach Deutschland 
ınüberblicken, wo besonders unter der Mitwirkung 
Jer Industrie eine Notgemeinschaft deutscher Wissen- 
schaft begründet wurde und die Kaiser Wilhelms-Insti- 
ute nicht nur in alter Weise weiter arbeiten sondern 
ıuch ständig vermehrt werden. Nur rastlose Arbeit, 
lie uns selbst die schwerste Nachkriegszeit überwin- 
den half, kann uns hier weiter bringen. 
PA
	        
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