Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

wordenen Belvederepalast wieder als Museum zu 
verwenden. Broschüren und Artikel erschienen, die 
für die Erhaltung und Pflege des österreichischen Kunst- 
besitzes energisch eintraten, ja darin die einzige zu- 
kunftsreiche Möglichkeit für die Hauptstadt, wie für 
die Provinzen sahen. Die Vorstände der verschie- 
denen, ehemals höfischen Sammlungen, die man in 
ihren Aemtern belassen hatte, und denen früher durch 
das „Quieta non movere” die Hände gebunden waren, 
sahen jetzt die Möglichkeit einer freieren Betätigung 
Vor sich und entwarfen weitgehende und umfassende 
Pläne zur Neuordnung der ihrer Obhut anvertrauten 
Kunstschätze. Da jedoch‘ keine Mittel vorhanden 
Waren, diese Pläne auszuführen, begann man sich 
Solche durch den Verkauf von Kunstgegenständen zu be- 
Schaffen, die als minder wichtig für den Bestand der 
Sammlungen gelten konnten. Am energischesten ging 
hier die „Albertina” vor, nachdem ihr bisheriger 
Direktor, der diese Pläne nicht billigte, nach 33jähriger 
Dienstzeit zurückgetreten war. Man vereinigte diese 
berühmte Sammlung von Handzeichnungen und 
Graphiken mit dem fast ebenso berühmten Kupfer- 
Stichkabinett der ehemaligen Hofbibliothek und er- 
hielt auf diese Weise eine überaus große Anzahl 
von Dubletten, die in mehreren Serien im Auktions- 
wege in Deutschland versteigert wurden und große 
Summen einbrachten. Ebenso wurde die Zusammen- 
legung der Fideikommißbibliothek mit der früheren 
Hofbibliothek, jetzt Nationalbibliothek, be- 
schlossen. Die Werke des XIX. Jahrhunderts, die 
Sich im Kunsthistorischen Museum und in der Galerie 
der Akademie befanden, wurden ausgeschieden und 
Siner neu zusammenzustellenden Staatsgalerie über- 
Wiesen; das gleiche geschah mit vielen Werken der 
Barockzeit, für die eine eigene Aufstellung geplant 
War, Inzwischen veranstaltete man im „oberen Bel- 
vedere” Ausstellungen der berühmten Gobelins, 
die bis dahin in Magazinräumen des Schönbrunner 
Schlosses aufbewahrt, und nur einzelweise bei beson- 
deren Gelegenheiten zur Ausschmückung der dortigen 
Vesträume oder der Hofburgsäle verwendet worden 
Waren, Die erste Schaustellung fand schon im Juni 
0 Statt, es folgten weitere zwei in den folgenden 
ahren. Die Albertina stellte ihre Neuerwerbungen, 
Sauptsächlich Blätter des XIX. Jahrhunderts, in der 
“CZession zur Schau (Herbst 1922), im Frühjahr 1023 
Wurde das Barockmuseum im unteren Belvedere 
°röffnet, nachdem schon im Winter vorher die Neu- 
aufstellung der Akademischen Galerie erfolgt 
War, die allgemeinen Beifall gefunden hatte. Im Früh- 
N 1924 wurden die durch Jahre geschlossenen Säle 
M. italienischen Schule im Kunsthistorischen 
An um dem allgemeinen Besuch zugänglich gemacht, 
erh die Neuerwerbungen, ‚die dem Museum teils 
vs Widmungen, teils durch Tausch zugefallen 
N, im ersten Stockwerk des Künstlerhauses aus- 
SEStellt, im Winter des nächsten Jahres die Staats- 
zalerie im oberen Belvedere eröffnet. Auch das 
Desterreichische Museum für Kunst und In- 
lustrie hatte aus dem Mobiliar der kaiserlichen 
schlösser, besonders den Teppichen, unter denen die 
costbarsten Stücke sich befanden, seine Sammlungen 
»ereichert und in neuer Aufstellung dem Publikum 
largeboten. 
Die außerordentliche Arbeit, die mit alledem: ge- 
eistet wurde, mußte um so mehr anerkannt werden, 
ıls sie sich, zum mindesten in der ersten Zeit, unter 
len schwierigsten äußeren Umständen vollzog; es 
1errschte drückender Mangel an Hilfskräften, die 
„okale' waren in der kalten Jahreszeit nicht zu heizen; 
lie großen Kosten der Installation konnten aus den 
Verkäufen nur teilweise gedeckt. werden; man war 
ıuf die Unterstützung von privater Seite angewiesen, 
vie denn ein kunstfreundlicher Millionär, der sich 
vährend des Krieges in Wien niedergelassen hatte, 
ine. bedeutende Summe zur Errichtung des Barock- 
nuseums zur Verfügung stellte und überdies der 
»taatsgalerie, wie dem Kunsthistorischen Museum eine 
\nzahl sehr wertvoller Kunstgegenstände zum Ge- 
;chenk machte; der ehemalige Staatsgalerieverein, jetzt 
zur „Gesellschaft der Museumsfreunde” um- 
zewandelt, stellte die Beträge zur Erwerbung einiger 
yedeutender Stücke bei; der Direktor der Akade- 
nischen Galerie verschaffte sich die Mittel zur 
Zinrichtung seiner Räume und zur Anschaffung alter 
;chter Rahmen dadurch, daß er den Erlös seiner 
zahlreich besuchten Vortragszyklen diesem Zweck 
vicdmete. 
So augenfällig und imposant die Resultate dieser 
frigen Tätigkeit waren, so darf nicht verschwiegen 
verden, daß in manchen Künstler- und Sammler- 
<reisen Stimmen laut wurden, die behaupteten, es 
jei hier über das Ziel hinausgeschossen worden. 
Jurch die Zusammenlegung dieser, die Zerreißung 
ener Sammlungen, sei ihr individueller Charakter 
zerstört worden; auch an der Auswahl der Werke, 
lie aus den Depots hervorgeholt oder dorthin ver- 
»annt worden waren, fand man manches auszusetzen; 
Aestaurierungen und Neuerwerbungen wurden bemän- 
zelt; ganz besonders aber auf die Gefahr hingewiesen, 
lie dadurch entstanden war, daß im Gegensatz zu 
ler früher streng befolgten Gepflogenheit, kein einziges 
»tück aus dem Bestand dieser historisch bedeutsamen 
yammlungen wegzugeben, nun nach dem Belieben 
ner kleinen Anzahl von Fachmännern Objekte ver- 
sauft oder getauscht werden könnten. Auf solche Art 
wäre es leicht möglich, daß Werke, die nach den 
zegenwärtig herrschenden Kunstansichten für minder- 
vertig gelten, abgestoßen und dafür solche er- 
vorben würden, die gegenwärtig besonders geschätzt 
'‚eien; wenn sich nun, wie schon so oft, diese Wert- 
ırteile nachträglich als falsch erwiesen, so müßten 
ladurdı die Sammlungen aufs empfindlichste geschädigt 
werden. Auch sei der Begriff Dublette durchaus
	        
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