Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Wolfrum-Druck. Hans Holbein d. J. Bildnis des Dirk Tybis. 
(Original im Kunsthistorischen Museum in Wien) 
rade diejenigen Schichten der Gesellschaft, aus denen 
sich früher das Gros der Käufer und Auftraggeber 
rekrutierte, sind davon am ärgsten betroffen. Für 
die meisten von ihnen bedeutet schon das Fintritts- 
geld eine merkliche Belastung ihres Budgets, nicht 
minder der Betrag für den Katalog. Die neuen Reichen 
aber, die zuerst in die Bresche getreten waren, fielen 
bald ab; teils hatten sie ihre Gewinne wieder ein- 
gebüßt, teils‘ herausgefunden, daß der Ankauf von 
irgendwelchen Kunstwerken nicht unter allen Um- 
ständen und jederzeit als gute Kapitalsanlage gelten 
könne; sie wurden mißtrauisch und zogen sich zurück; 
andere, wirkliche Kenner, scheuten sich, Kunstwerke 
zu erwerben, weil sie Angst hatten, daraufhin höher 
besteuert zu werden, Es ist interessant zu verfolgen, 
wie die auf Versteigerungen durchschnittlich erzielten 
Preise, seitdem die Währung stabilisiert ist, von Jahr 
zu Jahr sinken. Ein Symptom der wirtschaftlichen 
Verhältnisse ist es, wenn unlängst aus dem im Künstler- 
haus ausgestellten Nachlasse eines der bekanntesten 
Wiener Landschafter, reizende kleine Zeichnungen 
zum Preise von I5 und 20 Schilling im Katalog ver- 
zeichnet waren; nicht minder charakteristisch, daß 
schon vor drei Jahren eine „Kunstgesellschaft” ge- 
gründet wurde, die Ausstellungen veranstaltete, in 
denen Bilder und Skulpturen gegen Monatsraten 
abgegeben wurden; an diesen Ausstellungen beteiligten 
sich Mitglieder aller Wiener Kunstvereinigungen. 
Am ehesten, so sollte man meinen, müßte sich 
das Kunstgewerbe halten können. Aber auch hier 
sind merkwürdige Erscheinungen zu verzeichnen. Die 
Vereinigung, die das moderne Wiener Kunstgewerbe 
repräsentiert und deren Name in der ganzen zivili- 
sierten Welt bekannt ist, stand im Frühling 1926 vor 
einer Krise; sie wurde wie durch ein Wunder ge- 
rettet, da plötzlich auf ganz rätselhafte Weise in 
Amerika ein Wandel des Geschmacks zugunsten des 
modern style eintrat. Mit ähnlichen Schwierigkeiten 
hat auch die andere Vereinigung, die gleichfalls 
moderne Tendenzen verfolgt, zu kämpfen. Dagegen 
hat die im letzten Jahre im Oesterreichischen Museum 
zröffnete Ausstellung „Neuzeitlichhe Wohnungs- 
kunst”, wie es heißt, nicht nur erstaunlich zahlreiche 
Besucher angezogen, sondern auch in bezug auf den 
Verkauf Erfolg gehabt. Die Zustände sind aber noch 
lange nicht so normal, wie sie äußerlich scheinen und 
solche Zuckungen unvermeidlich. Ist es dann nicht 
merkwürdig, daß unter den Umständen, wie sie 
eben geschildert wurden, die von der „Gesellschaft 
für vervielfältigende Kunst” — deren fünfzig- 
ähriger Bestand übrigens vor kurzem gefeiert werden 
konnte — herausgegebenen „Graphischen Künste”, 
äne der am reichsten ausgestatteten und sich schließ- 
ich nur an einen kleinen Kreis wendenden Kunst- 
zeitschriften, immer noch erscheint? Daß ein privater 
Verein, wie die vorhin genannte „Gesellschaft 
der Museumsfreunde”, nicht nur Ausstellungen 
m größten Stil veranstaltet, sondern durch eine sehr 
jedeutende Geldspende, erst unlängst die Adaptierung 
äines zum unteren Belvedere gehörigen Gebäudes 
>rmöglicht hat, in dem die staatliche Sammlung 
noderner Kunstwerke — von 1900 his jetzt! — auf- 
gestellt werden soll? 
F. G. Waldmüller 1793-1865. „Zwei Tiroler Jäger.” Holz 
41X34 cm, signiert „Waldmüller 1829”, Original im Besitz de® 
Kunstverlages Wolfrum 
A
	        
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