Object: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

daß die sozialen Zerklüftungen auch. vielfach staats- 
politische sind, daß kein gemeinsames Staatsideal eine 
Plattform der Ruhe und Versöhnung bietet. Wenn deutsche 
Arbeiter und Unternehmer sich wenigstens in. der 
Staatsauffassung eins wären, würden viele 
Quellen des Mißtrauens verstopft werden. Man sehe nach 
Amerika.‘ Drüben keine politischen Kämpfe mit sozialen 
Vebenschauplätzen, von Anfang an. Einigkeit über das 
5taatsideal und das Verhältnis des Volkes zum Staat. In 
Frankreich eine gemeinsame Staatsauffassung, in 
SZngland dasselbe, denn auch der englische Labourmann 
vejaht die Royaltie, die konservative und symbolische 
Kraft des Königtums, und jeder englische Industrielle bejaht 
die parlamentarische‘ Demokratie. Bei uns ein Hand-in- 
Nand-Gehen sozialer Entwicklungen mit politischen Stößen, 
vielfach ein Auseinandergehen nicht nur in den Sozial- 
auffassungen, sondern auch in den Staatsanschauungen, 
.n der Bewertung der Staatsform, wobei ganz natürlich, 
sinem soziologischen Entwicklungs-. und Beharrungsgesetz 
zufolge, die Masse der Arbeiter auf der evo- 
jutionären, viele Unternehmer auf de 
xonservativen Seite stehen. Es hat keinen Zweck 
diese Dinge nicht auszusprechen, diese Quelle vielen 
Mißtrauens und Mißverstehens auch in sozialen und wirt- 
schaftlichen Dingen nicht aufzuzeigen. Das sind Schlag- 
schatten uhserer zusammengedrängten politischen Ent- 
wicklung, die mit einem stürmischen Industrialisierungs- 
prozeß zusammenstieß, so daß politischeundsoziale 
Kämpfe zugleich entbrannten und das soziale Ringen 
nicht in einem gemeinsamen Staatsbewußtsein umgrenzt und 
befriedet werden konnte. Diese Schlagschatten werden erst 
allmählich weichen. 
Um die Autonomie des sozialen Gedankens. 
Von Professor Dr. Adolf Günther, Innsbruck. 
Die‘ Schriftleitung der Deutschen Bergwerks-Zeitung 
wünscht innerhalb einer größeren sozialpolitischen Aufsatz- 
serie auch .das im Titel bezeichnete Thema behandelt zu 
schen, und zwar in der Weise, daß als Kernstück „die 
zrundsätzliche Unabhängigkeit des sozialen Versicherungs- 
wesens von der demokratischen oder nichtdemokratischen 
(jestaltung des Staatslebens“ herausgearbeitet wird. Der 
Verfasser war sich der Schwierigkeiten bewußt. welche. in 
jedem dieser beiden — an sich selbständigen. — Themen 
enthalten ‚sind; Schwierigkeiten, die sich bei einer zusam- 
menfassenden, zudem auf engen Raum beschränkten Bear- 
beitung naturgemäß steigern müssen. Wenn er dennoch die 
Abfassung dieses Aufsatzes übernahm, so geschah dies nicht 
zu polemischen Zwecken oder zur Unterstützung einer be- 
stimmten Parteiansicht; es handelt sich vielmehr um Ver- 
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