Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

punkt gelangte. Am reinsten läßt die Luft des sechsten 
Lebensjahrzehnts, das die schwerste Probe dichteri- 
schen Wertes bedeutet, das Werk Hugo von Hof- 
mannsthals in seinen wahren Umrissen hervortreten. 
Jene grundlegenden schöpferischen Ideen, die er in 
dem Essay „Das Schrifttum als geistiger Raum 
der Nation” der Welt zugänglich gemacht hat, 
zeigen, wie dieser. edelste österreichische Dichter 
niemals „zeitfremd” war, nur zeitfern. Das Heute, für 
das Hofmannsthal gerade deshalb nicht im Gestern 
verbraucht ist, begreift seine sucherische Leidenschaft 
aach den geheimsten Werten des Lebens vielleicht 
stärker, als seine Zeitgenossen, hier lebt ein Fünfzig- 
jähriger, der dennoch den Jüngsten der neuen 
Generation innerlich ganz nahe steht. Neben ihm 
vollenden andere, die I914 vom Begriff des literarischen 
‚Jung-Wien” erfaßt wurden, weiter ihren Weg und 
Aufstieg. Raoul Auernheimer gibt vollendete Schil- 
derung der österreichischen Nachkriegs-Generation, Paul 
Wertheimer ist mehrfach als Lyriker eigenster Farbe, 
als Essayist und Theaterdichter hervorgetreten. Felix 
Salten, Dichter und Zeitkritiker sehr hohen Ranges, 
hat das zwingendste Werk in einem biblischen Roman 
‚Simson” vollendet, schon beginnen auch seine „Ge- 
sammelten Werke” zu erscheinen. Der bedeutsame 
Otto Stößl ist am eindrucksvollsten in diesem Jahr- 
zehnt als Lyriker hervorgetreten. Wenig verändert 
hat sich auch das Bild jener Dichtergruppe, die der 
deutsche Leser als „österreichische Erzähler” in engerem 
Sinne begreift: Rudolf Hans Bartsch hat mit einem 
halben Dutzend neuer Bücher, darunter den Ver- 
kündigungen seiner Lebensphilosophie der Landschaft 
seine europäische Wirkung als Schilderer österreichi- 
schen Wesens lebendig zu halten gewußt, Rudolf 
Greinz hat stark und fruchtbar seinen Platz be- 
hauptet (dem stiller, aber doch voll eigener Melodie 
auch sein Bruder Hugo Greinz nahe steht), Emil 
Ertl hat sich mit einigen Spätwerken in Erinnerung 
gebracht und Rudolf Haas sich fast alle Jahre mit 
einem neuen Roman zum Wort gemeldet, Karl Hans 
Strobl hat in mehr als einem Dutzend neuer Roman- 
schöpfungen seine Vielseitigkeit weiter geoffenbart, 
die sich zuletzt auch das Theater mit einem „Sand“- 
Drama zu erobern sucht. Robert Hohlbaum ist in 
die erste Reihe vorgerückt, Franz Karl Ginzkey 
zeigt längst die klarste Reife novellistischer Meister- 
schaft. Der Bauerndichter Sterneder hat erste 
Geltung gewonnen, Franz Nabl hat dem: berühmten 
„Oedhof” einen Roman „Galgenfrist“ folgen lassen. 
Und als Typen und Beispiele für weit mehr Namen: 
Der phantasievolle Erzähler Erwin Weill, der Wiener 
Schilderer Ernst Scholl, der Novellist Ernst Kratz- 
mann, Erich Korningen und Mirko Jelusich, 
der, in der Kriegszeit als Lyriker in ganz Deutsch- 
land bekannt geworden, sich nun im Roman neu zu 
sammeln sucht. 
Anton Wildgans hat nach einem Jahrzehnt der 
zroßen Theatererfolge 1027 ein Epos „Kirbisch oder 
Der Gendarm, die Schande und das Glück” vorge- 
egt, das zum bleibenden Besitz der deutschen Nation 
‚ählen wird. Ein dichterischer Spiegel der Kriegszeit, 
las bei aller realistischen Eindringlichkeit stets von 
nagischer Melodie des Wortes getragen bleibt. Stefan 
Zweig ist durch den geistigen Umbruch des Welt- 
crieges zur eigentlichen Entfaltung seiner Kräfte ge- 
angt und gewinnt als Essayist und Erzähler im letzten 
Jahrfünft europäischen Rang. Am sieghaftesten aber 
nutet der Aufstieg Franz Werfels an. Zu Ende des 
Crieges erschienen seine ersten Gedichte, 1023 sein 
ioman „Verdi”, dem kurz nach den Theatererfolgen 
les „Spiegelmenschen”, des „Juarez und Maximilian”, 
les „Paulus unter den Juden” zwei Bücher: „Tod 
des Kleinbürgers” und „Abituriententag” folgten. Heute 
st Werfel Mitglied der deutschen Dichterakademie 
ınd bereits die „Gesammelten Werke” des 39 jährigen 
yeginnen zu erscheinen. Aehnlich widerspruchslos hat 
üch der ‚dichterische Sieg Max Mells vollzogen, der 
ı1ach seinem „Apostelspiel” und dem „Nachfolge 
Christi-Spiel” nun auch wieder als Lyriker hervor- 
ritt. Jakob Wassermann hat (am stärksten mit dem 
‚Christian Wanschaffe” und zuletzt mit dem „Fall 
Mauritius”) seinen deutschen Erfolg zur Weltgeltung 
arweitert. Oskar Maurus Fontana hat mit einem 
Zeitroman „Gefangene der Erde” die Aufmerksamkeit 
Jeutschlands auch auf eine jüngere Erzählergeneration 
zelenkt. Neben ihnen eine wahre Fülle von Namen, 
lie schon länger den Wissenden bekannt, nun auch 
‚or dem großen Publikum ihr Talent „ratifiziert’ 
arhielten. Da ist der Tiroler Joseph Georg Ober- 
sofler mit seinem balladenhaften Roman „Sebastian 
and Leidlieb” mit einem Schlag berühmt geworden. 
“elix Braun hat dem alten Oesterreich mit dem 
Aoman „Agnes Altkircher” ein bleibendes Denkmal 
‚esetzt, der Kärntner Gustav Renker, Theodor 
Heinrich Meyer, die sprachgewaltige Alma Johanna 
Cönig haben Preise und Leser gewonnen, Rudolf 
‚eremias Kreutz hat mit der „Großen Phrase” einen 
Zrfolg in vielen Sprachen, mit dem Kriegsgefangenen- 
Aoman „Die große Flamme” dichterische Geltung 
»rreicht. Robert Michel hat mit einem legenden- 
ıaften Roman „Jesus im Böhmerwald” seine reifste 
schöpfung vorgelegt, Ernst Lothar einen Roman- 
Zyklus, der in seiner Fülle der Gesichte und in 
;jeiner sprachlichen Zucht nahe an Wassermann 
ınd Heinrich Mann steht. Siegfried Trebitsch, dem 
Deutschland das Werk Bernhard Shaws dankt, hat 
sich auch selbst als Erzähler und auf dem Theater 
stark behauptet, Sil Vara, der erfolgreiche Theater- 
lichter ist als Essayist viel gelesen worden. Erwin 
Rieger hat sehr zarte Novellen und einen Roman 
‚Die Zerrissenen” erscheinen lassen, Eduard 
3. Danszky mit einem Zeithild „Die neue Judith” 
\ufsehen gemacht, Emil Lucka betont neuerdings 
{ie kulturpolitische Seite seines Schaffens stärker-
	        
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