DAS WIENER KONZERTLEBEN 1I91I18 BIS 1928
Von Professor Dr. Ernst Decsey.
Schon Burney nennt in seinem Reisetagebuch,
1773, Wien die „Hauptstadt der deutschen Musik”,
weil keine andere Stadt so viele Tonkünstler ver-
einige, Waren es damals Gluck, Hasse, Hoffmann,
Huber, Wagenseil, Dittersdorf, Vanhall, Josef Haydn,
SO sind es später Mozart, Beethoven, Schubert,
Brahms, Hugo Wolf, Anton Bruckner, Gustav
Mahler, Richard Strauß. Ja, heute will es fast
scheinen, als dränge sich in Wien, der Hauptstadt
eines kleinen Bundesstaates eine Überzahl von
Musikern zusammen. Der Name „Musikstadt”, der
mit Stolz genannt wird, ist berechtigt; nicht nur
der Musiker, sondern des musikalischen Geistes
wegen, der fast in jedem Wiener Hause, in jedem
Wiener Menschen lebt.
Früher war Wien Musikstadt auch im Sinne eines
Musikmarkts. Die reichen Adelsfamilien, die großen
Verlagshäuser, das wohlhabende Bürgertum schufen
eine luxuriöse Atmosphäre, und die leichten Mög-
lichkeiten wirtschaftlichen Aufstiegs zogen eben die
Fremden, von Beethoven bis Brahms, nach Wien.
Nach dem Kriege ging dieser Markt teilweise aut
Berlin über, und in keinem Zeitraum vorher hat
Sich das Wesen Wiens so grundhaft verändert wie
eben in den ersten zehn Nachkriegsjahren. Nur eine
Funktion blieb der Stadt ungeschmälert: sie wirkt
als die höhere Geschmacks-Instanz, gleichsam als
die Paßkontrolle jedes Künstlers fort und trotz
verminderter wirtschaftlicher Aussichten versäumte
&8 kein Musiker von Bedeutung, seine Bedeutung
eben durch Wien bestätigen zu lassen.
Das Wiener Publikum ist vielleicht durch seine
Blutmischung (aus allen Musiknationen der alten
Monarchie) ein Geschmackspublikum. Es nimmt
Neuerscheinungen oft zögernd auf, aber ist
Me gewisse hemmende Ironie überwunden, ist
Sinnlicher Reiz in der Neuheit entdeckt, dann wirbt
°S darum um so stürmischer. Seit dem Umsturz hat
Sich jedoch die alte Gesellschaft bis auf scheue
Reste verflüchtigt, die neue noch nicht gebildet,
dazu kommt die Kommerzialisierung des Konzert-
Wesens, das früher mehr eine in die Öffentlichkeit
Verlegte häusliche Musikübung war, und endlich
kommt dazu die radikale Musik, die vom Wiener
Temperament das unwienerischeste verlangt: Um-
Stellung des Gefühls auf das Nichtgefühl — Gründe
Scnug, um das letzte Jahrzehnt als Zeit der Über-
Sänge und der Wirrungen erscheinen zu lassen,
dus denen einmal die alte Musikstadt mit neuem
Gesicht hervorgehen wird.
ws Industriealisierung des Konzertwesens, die
v andlung der Musikpflege zum Musikgeschäft fällt
ST allem ins Auge. Die Zahl der Konzerte nahm
beträchtlich zu, nicht deren Qualität. Die Zu-
nahme führt sich äußerlich auf einige neue Konzert-
;äle zurück — zum Musikvereinssaal (gegründet 1870)
und zum Konzerthaus (1013) kamen die Säle der
Tofburg (Ritter-, Zeremonien-, Fest-Saal) — außer-
dem auf neue Konzertdirektionen, die plötzlich
ıuftauchten, und deren es heute ungefähr zwölf
bt. Den inneren Grund bildet ein gewisser
>pekulationsrausch der Konzertgeber wie -unter-
ıehmer, die mehr ihrem als dem Bedürfnis des
dublikums dienten. Die die Säle mit Konzerten
iberschwemmten, Meisterwerke pietätlos abspielten.
Dadurch kam es, daß es jungen, unbekannten
Künstlern, die unvermögend sind, die enormen
Konzertkosten zu bezahlen, immer schwieriger ge-
nacht wurde, sich hören zu lassen, geschweige sich
lurchzusetzen, während es gesellschaftlich verfloch-
enen, wohlsituierten Persönlichkeiten ebenso leicht
zemacht wurde, in selbstbezahlten Konzerten eine
Kunst zu produzieren, die meist zweifelhafter war
als ihre Eigenliebe.
Diese Verhältnisse drücken der: Entwicklung des
Konzerts im Zeitraum 1918 bis 1928 ein entschei-
lendes Merkmal auf... Zugkräftig durch sich selbst
zind heute nur diejenigen Konzerte, die eine Marke
1aben. FEinerlei welches Programm: ob Schönbergs
Surrelieder, die Achte Sinfonie von Mahler, die
Neunte von Beethoven, der Schaljapin-, der Fleta-
Abend. Solche Werke, solche Solisten mobilisieren.
Dagegen sind im Zurückgehen die seriösen Lieder-
abende, teils weil es an großen Iyrischen Persön-
‘ichkeiten fehlt (wie früher Alice Barbi, Julie Culp,
lohannes Messchaert), teils weil bei der stillen, ins
'nnere wirkenden, sensationslosen Liedkunst auf
Aesonanz nicht mehr zu rechnen ist. Aus ähnlichem
Grund hat das Interesse für Klavierabende nach-
zelassen, vielleicht auch weil heute fast alle Pianisten
m Besitz gleicher technischer Bravour, alle „gleich
gut” sind, und der Mittelstand, der sein Klavier
während der Inflationszeit verkaufte, heute billigere
nstrumente (Geige, Gitarre) bevorzugt, oder solche,
bei denen man gar nichts zu lernen braucht, wie
ei den Grammophonen. Endlich gehen auch die
Vlittelstandskonzerte, das heißt die unter verschie-
denen Namen von verschiedenen Korporationen
veranstalteten Abonnementskonzerte zurück, weil die
Xlasse der Musik - Intelligenz nicht zugleich mehr
lie wirtschaftlich vorherrschende ist und die Kunst-
stellen hier erfolgreich das Erbe angetreten haben.
Um nichts zu beschönigen, mußten diese Um-
wälzungen gestreift werden. Aus ihnen ergeben
sich einander widersprechende Zahlen. Wie stark
das Wiener Konzertpublikum sei, läßt sich zahlen-
an