Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 91
galt als selbstverständlich. Aber innerhalb dieser Grenze lag
die Gewähr für eine freiere Presse anfangs und in vieler
Hinsicht noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, ja gelegent—
lich wohl bis zur Gegenwart, doch nur in einem äußerlichen
Moment: in der Zerteilung des deutschen Staatskörpers in so
diele Einzelstaaten, deren Regierungen über Preßfreiheit nicht
selten widersprechende An- und Absichten hatten. Da war es
denn leicht möglich, daß man von dem Boden des einen Staates
laut in die deutsche Welt hineinrufen konnte, was im Bereiche
eines anderen Staates selbst leise zu sagen verboten war; und
immer gab es Staaten, die den Anhängern auch radikaler
Ansichten als Refugia peccatorum dienten. Welche Sicherheit
und Freiheit des Denkens diese Situation der Presse schon im
18. Jahrhundert gab, zeigt unbewußt und deshalb besonders
schlagend eine Polemik Schlözers, der sich in seinem Göttingen
sicher fühlte, gegenüber dem Herausgeber eines Wiener Blattes,
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triumphierend aus, „Despotismus des Herausgebers nennt, ist
Despotismus der Wahrheit, der Tatsachen, der Publizität. Das
sind nun freilich fürchterliche Despoten, allmächtiger wie Sultane
und Paschas, und schlechterdings, solange es Leute gibt, die
denken oder auch nur sich schämen können, unbezwinglich.“
Aber über diese gleichsam negative Sicherung der Preß—
freiheit hinaus waren doch auch in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts schon positive Garantien entwickelt: und
eben die größeren Staaten zeichneten sich durch sie aus. So
ließ Friedrich der Große der kirchlichen und religiösen Er—
örterung freien Spielraum, ebenso der Kritik politischer Per—
sonen bis zu ihm selbst hinauf, duldete dagegen eine Be—
krittelung und Herabsetzung seiner politischen Maßregeln nicht.
So ging Joseph II. noch weiter; unter ihm war die freieste Kritik
auch aller Regierungsmaßnahmen möglich. In Hannover aber
genossen die Göttinger Professoren persönlich Zensurfreiheit über⸗
haupt, und das galt damit auch für Schlözer, der freilich dafür
auf etwaige Wünsche seiner Regierung sorgsam Rücksicht nahm
ind ihr bedenkliche Artikel vor dem Druck freiwillig vorlegte.