Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

DIE SCHADENSVERSICHERUNG IN DER NACHKRIEGSZEIFIT 
Von Sektionsrat Dr. A. Kerber. 
Der für die Mittelmächte so unglückliche Verlauf 
des Weltkrieges und die Zertrümmerung der ehe- 
maligen österreichisch-ungarischhen Monarchie hat die 
Österreichische Schadensversicherung‘) insbesonders 
wegen der Geldentwertung vor schwere Aufgaben 
gestellt. Wenn auch nicht in jenem hohen ab- 
soluten Ausmaß wie in der Lebensversicherung 
war doch auch bei den Schadensversicherungs-Gesell- 
schaften ein Großteil der Vermögensbestände in 
mündelsicheren Wertpapieren, meist österreichischer 
und ungarischer Kriegsanleihe, angelegt, teilweise 
bestand das Vermögen in inländischen mündelsicheren 
Hypotheken, ein verhältnismäßig nur geringer Teil 
der Gesamtaktiva bestand in Realitätenbesitz, der 
der Inflation nicht voll zum Opfer gefallen ist (viel- 
fach eigene Anstaltsgebäude). Die Werte der bestehen- 
den Versicherungsstöcke nahmen von Tag zu Tag 
ab, die Weiterführung des nunmehr zu einem großen 
l’eile ausländisch gewordenen Versicherungsgeschäftes 
stieß vielfach auf Schwierigkeiten, die Behinderung 
des Reiseverkehres, Devisenvorschriften, innerstaatliche 
legislative Maßnahmen, sowie Verfügungen ausländi- 
scher Behörden machten sich arg fühlbar, bzw. hatten 
administrative Belastungen im Gefolge, indem sonst 
für das rein Geschäftliche zur Verfügung gestandene 
Arbeitskräfte für Verwaltungsarbeiten verschiedenster 
Art in Anspruch genommen werden mußten. Da- 
Zegen spielten in der Schadensversicherung die zu 
tegelnden Auslandsschulden keine allzu bedeutende 
Rolle, die Saldi mit ausländischen Rückversicherern 
wurden meist durch Vergleiche geregelt, zwischen- 
staatliche Vereinbarungen waren entbehrlich, da es 
in der Schadensversicherung im allgemeinen soge- 
hannte technische Reserven, deren Schicksal zu klären 
war, nicht gibt, die Umstellung der Versicherungs- 
stöcke auf die neustaatlichen Währungen erfolgte 
Vielmehr ziemlich automatisch und ohne besondere 
Schwierigkeiten, indem die nächst fällig werdenden 
Jahresprämien in der neuen Landeswährung einge- 
hoben wurden. Da eben die Schadensversicherung 
Normalerweise nur eine gewöhnlich für ein Jahr be- 
stimmte und nach dessen Ablauf verfallene Risiko- 
m 
*) Unter dieser Bezeichnung sei hier der Ausdruckskürze 
halber neben der Sach- und Vermögensschadensversicherung auch 
die Unfallversicherung verstanden. 
prämie und keine Sparprämie kennt, konnte sich 
jier der Übergang verhältnismäßig reibungslos voll- 
zehen. Zu einem kritischen Problem gestaltete sich 
lagegen in der Nachkriegszeit die Regiefrage. Wäh- 
‚end des Krieges waren zur Füllung der Lücken, die 
lurch den Abgang der zu den Fahnen geeilten 
3Zeamten entstanden waren, neue Kräfte aufgenommen 
vorden, die im Felde gestandenen Beamten waren 
ıeimgekehrt, der auf größere Verhältnisse zuge- 
:chnittene Verwaltungsapparat sollte erhalten werden, 
rotzdem das Tätigkeitsgebiet stark eingeschränkt 
vorden war und manche Gesellschaften wegen der 
schwierigkeiten der Weiterführung des Geschäftes 
m jetzigen Neuauslande sich entschließen mußten, 
lasselbe aufzugeben oder aber sich durch Gründung 
‚on Tochtergesellschaften wenigstens entsprechende 
tückversicherungsalimente zu sichern. Dabei erforderte 
lie immer drückender werdende Teuerung allmonat- 
ich erhöhte Zuwendungen an die Beamtenschaft, der 
kegieetat schnellte sprunghaft in die Höhe. Die 
schadensversicherer mußten daher trachten, möglichst 
‘asch ihre Prämieneinnahmen derart zu steigern, daß 
je imstande waren, daraus neben dem Schadensauf- 
vand auch den Verwaltungsapparat zu bestreiten. 
Wit aller Energie mußten die bestandenen Ver- 
icherungsportefeuilles durchgeackert werden. Um die 
/ersicherungssummen dem sinkenden Geldwerte an- 
„upassen, mußte die Akquisition intensiv auf Nach- 
‚ersicherungsabschlüsse eingestellt werden, eine wahre 
sisyphusarbeit, weil diese akquisitorische Tätigkeit 
nit dem konstanten Sinken des Geldwertes nicht 
xchritt halten konnte und aus technischen Gründen 
‚on dem Auskunftsmittel der Erstrisiko-Versicherung 
nit gleitendem Index nur in sehr beschränktem Um- 
ange Gebrauch gemacht werden konnte. Das Publikum 
vurde mit der Zeit des ewigen Nachversicherns in 
‘sterreichischen Kronen überdrüssig, weshalb die Ge- 
eellschaften sich entschließen mußten, über Verlangen 
ler Versicherungsnehmer auch Versicherungen in 
vertbeständigen Währungen, hauptsächlich Dollar 
ınd Schweizer Franken, bzw. in Goldkronen abzu- 
.Aließen. Daß die Verwaltung des Geschäftes, speziell 
lie Buchhaltung, immer komplizierter wurde, versteht 
ich von selbst. Besonders Gesellschaften, welche 
iber ein orößeres internationales Rückversicherungs-
	        
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