DIE ÖSTERREICHISCHE LEBENSVERSICHERUNG IN DEN
ERSTEN ZEHN JAHREN DER REPUBLIK ;
Von Ministerialrat Dr. Johann Skrobanek.
Durch den Zerfall der alten Monarchie und des alten
Wirtschaftsgebietes wurde die Lebensversicherung wegen
hres technisch-wirtschaftlichen Aufbaues auf das stärkste
.n Mitleidenschaft gezogen. Die Inflation hat in Oester-’eich
die in der Hauptsache pupillarsicheren, auf alte österteichische
Kronen lautenden Prämienreservedeckungsbestände
und damit auch die bestehenden Versicherungs-Stöcke
vollständig zerstört. Diese Zerstörung hat aber
nicht bei dem alten Versicherungsstocke haltgemacht,
sondern hat auch die Möglichkeit zur weiteren Tätigkeit
überhaupt außerordentlich erschwert. Die während der
inflationsperiode gemachten Versuche, der Fintwertung
der bisherigen Stöcke und der bisherigen Prämienrinnahmen
durch forcierte Finnahmen aus neu abgeschlossenen
Versicherungen entgegenzuwirken, mußten
naturgemäß in der Fndwirkung erfolglos bleiben,
Jenn die neu angeworbenen Versicherungsstöcke
und die daraus sich ergebenden Prämieneinnahmen
waren jeweils bald nach der Gewinnung wieder
wertlos geworden. Die einzelnen ‚Entwicklungsstadien
während der Inflationsperiode können nicht verfolgt
verden. Ein gewisser Anhaltspunkt für‘ die tatsäch-‘iche
Lage konnte erst mit dem Schlusse des Jahres 1922
ıach Stabilisierung der Krone gewonnen werden (über
lie Schwierigkeiten, für diese Periode schon exakte
/iffern zu ermitteln, vergleiche die späteren Ausführungen
ur Frage der Ausweisleistung nach dem Zusammendruche).
Die Ziffern des Jahres 1922 können natürlich
mit jenen der Vorkriegszeit nicht unmittelbar in einen
“usammenhang gebracht werden, doch lassen sich immerlin
gewisse Anhaltspunkte für einen Vergleich gewinnen.
Die letzte amtliche Statistik über die Lebensversicherung,
der normale Verhältnisse zu Grunde lagen, stammt aus
dem Jahre 1913. Die Gesamt-Prämieneinnahme aller im
lamaligen Inlande arbeitenden Lebensversicherungswnstalten
betrug abzüglich des Anteiles der Rückveräicherer
rund 250 Millionen Kronen. Unter Berücköichtigung
des Umstandes, daß die Rückversicherung
damals wenig in Anspruch genommen wurde und daß
niebei die abgegebenen Rückversicherungen gegenüber
den: übernommenen überwiegen, kann die direkte
Brutto-Prämieneinnahme auf etwa 260 bis 270 Millionen
Äronen veranschlagt werden. Seither sind viele damals
inländische Gesellschaften ausländisch geworden, darunter
vor allem die beiden großen Triester Gesellschaften,
deren Gesamt-Prämieneinnahme in der damaligen österveichischen
Ziffer enthalten ist. Außerdem sind bedeutende
Teile der Versicherungsstöcke von inländisch
gebliebenen Gesellschaften zu ausländischen geworden.
Aus verschiedenen Umständen kann aber angenommen
werden, daß von dieser Gesamtprämieneinnahme von
200-270 Millionen ein Betrag von etwa 55-60 Millionen
auf das heutige Inland entfällt. Das entspricht einer
Prämieneinnahme von ungefähr 80-90 Millionen
Schilling. Die erstmalig halbwegs erfaßbare inländische
direkte Lebensversicherungs-Prämieneinnahme des Jahres
1922 ist auf etwa 3'3 Millionen Schilling zu beziffern,
'n welcher Regiezuschläge von annähernd 500.000 Schiling
enthalten sein dürften, mit dem die inländischen
Verwaltungsapparate sämtlicher österreichischen Antalten
hätten bestritten werden sollen. Dabei hat sich
n den Ziffern des Jahres 1922 der im zweiten Halbjahr
922 (Stabilisierung der Krone) besonders starke Zugang
‚owie der Umstand bereits ausgewirkt, daß die Lebensersicherungsanstalten
im Inlande schon seit dem Jahre
920 Versicherungsverträge auf fremde wertbeständige
/aluten, allenfalls auch Versicherungen mit Goldklausel
‚bschlossen. Aber auch diese Ziffern zeigen noch klar,
laß die inländischen Lebensversicherungsstöcke samt
hren Prämieneinnahmen vollständig verwüstet waren.
Viele österreichische Lebensversicherungsanstalten
‚atten natürlich auch damals ein ausländisches Geschäft,
ei es, daß sie von Haus aus im Altauslande gearbeitet
1aben, sei es, daß altes Inland zum Neuausland gevorden
war. Hinsichtlich dieser Stöcke war die Entvertung
natürlich nicht überall mit der gleichen Schärfe,
n einzelnen Fällen auch gar nicht aufgetreten. Mit diesen
usländischen Versicherungsstöcken und mit der aus
(enselben resultierenden Prämieneinnahme war aber
len inländischen Anstalten vorderhand gar nicht gedient,
ielbst wenn in den betreffenden Gebieten Ueberschüsse
rzielbar gewesen wären, so waren diese wegen der betehenden
Beschränkungen im internationalen Geldver-‚ehre
nicht greifbar. In der Wirklichkeit lag aber die
'ache noch viel schwieriger, denn die österreichische
‚ebensversicherung hatte die Prämienreservedeckungsverte
für die Versicherungsstöcke jener Länder, in denen
in Deponierungszwang nicht vorgeschrieben wurde, zum
ıroßen Teile auch in pupillarsicheren österreichischen
Verten angelegt, die der Inflation zum Opfer fielen,
‚ährend die Valuta der Versicherungsansprüche von der
nflation wenig, in manchen Fällen gar nicht betroffen wurde,
voraus sich noch arge Folgen für die Anstalten ergaben.
Nach dem Vorausgeschilderten mußte die Ööstereichische
Lebensversicherung, wenn sie sich behaupten
vollte, den Neuaufbau von vorne beginnen, und hatte
1abei ungleich größere Schwierigkeiten zu
iberwinden als dieSchadensversicherung; denn
‚ei dieser bestand das Bedürfnis nach Vollwertversicheung
nach wie vor; überdies war der Hunger nach Sach-‚ütern
und das Streben, diese vor Verlusten durch
/ersicherung zu schützen, in diesen Zeiten besonders
tark, deshalb fand die Werbetätigkeit hier überall offene
"üren. Die Schadensversicherung als reine Risikovericherung
mit gleichbleibenden Risken hatte unter der
intwertung von Prämienreserven nicht zu leiden. Schwieig
war es nur, die ganze Aufwertungsaktion unter Ein-‚etzung
der vorhandenen Apparate, möglichst rasch zu den
ılten Prämiensätzen durchzuführen. Anders bei der
‚ebensversicherung, wo die Neuversicherung der bisıerigen
Versicherten wegen des mit dem Alter steigen-(en
Risikos nur gegen eine viel höhere Prämie möglich
var, als sie den seinerzeitigen Versicherungsverträgen
zu Grunde lag. Dabei war das Gros der bisherigen Ver-