Organisation der Stellenvermittlung für die innere Umgestaltung der kauf
männischen Nerhältnisse so lange erfolglos bleiben, als es nicht gelingt, die
Ursachen der Stellenlosigkeit in voller Deutlichkeit klar zu legen und durch
ihre Beseitigung eine durchgängige Besserung zu erzielen.
Kann man aber die Stellenlosigkeit als das Endglied der socialen
Mißstünde im Kaufmannsstande bezeichnen, so liegt es vielleicht nahe, in
dem Lehrlingswesen den Ansang des Übels zu erblicken. Der Grad der
beruflichen Ausbildung ist maßgebend für das Gedeihen des Gewerbes über
haupt, wie für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung der Ein
zelnen. Je mehr eine Berufsart mit uuqualifizierten Kräften durchsetzt ist,
um so tiefer wird das Niveau des gesamten Standes heruntergedrückt. Die
Mannigfaltigkeit der Berufsstellungen innerhalb des Kaufmannsstandes er
möglicht aber in hohem Grade ein Hereinziehen von Personen aus niederen
Bevölkerungsschichten, welche bei der Schwierigkeit, durch eigene Arbeit die
Mängel ihrer Vorbildung zu ersetzen, iu ungeheuerm Maße das kaufmän
nische Proletariat vermehren und dazu beitragen, die gesellschaftliche Ab
grenzung des Kaufmannsstandes nach untenhin zu verwischen. Vielleicht in
höherem Maße aber noch als in gesellschaftlicher Beziehung wird durch die
mangelnde Auswahl des Nachwuchses die wirtschaftliche Gesamtlage des
Kansmannsstandes geschädigt. Das Arbeitsangebot um jeden Preis muß
auch seine Rückwirkung ans die Lohnhöhe qualifizierter Arbeiter äußern.
Das Lehrlingswesen aus der einen und die Stellenlosigkeit
ans der anderen Seite bilden daher gewissermaßen die Grenzen, in welchen
sich alle übrigen Mißstände im Kanfmannsstande bewegen. Die Übelstände,
welche die moderne Arbeit mit sich bringt, wiederholen sich hier in allen
Phasen in specifischer Anwendung ans den Kaufmannsstand. Die Fragen
der Lohnhöhe und der Arbeitszeit, der Konkurrenz der Frauenarbeit und
der Dauer des Arbeitsvertrags, der Berufskrankheiten und der Invalidität
kehren auch hier wieder ititb verlangen eine ebenso eingehende Behandlung,
wie die grundlegenden Übelstände, als deren Ausfluß sie zum Teil erscheinen.
Löst sich so schon bei einer allgemeinen Betrachtung die Frage des
socialen Notstandes im Kanfmannsstande in eine Reihe von Einzelfragen
aus. so bedarf es hinwiederum bei der Beurteilung der einzelnen Fragen
eines sorgfältig gesichteten, aus Thatsachen beruhenden Materials, um über
die Berechtigung der Forderungen im einzelnen einen zutreffenden Maßstab
zu gewinnen. So lange sich die Diskussion bei der Lösung socialer Pro
bleme aus allgemeine Beobachtungen aufbaut, wird sich immer zeigen, daß
gewisse Seiten, die dem Auge des Beobachters zunächst auffallen, in den
Vordergrund gestellt werden lind daß der Meinllngsaustailsch über eine
Wiederholung allgemeiner Sätze nicht hinausgeht. Konnte aber der Lösung
der „socialen Frage" überhaupt erst auf Grund thatsächlicher Beobach
tungen näher getreten werden, so muß es um so gewagter erscheinen, bei
der Untersuchung der Mißstände in einem einzelnen Bernfnngszweige sich
mit allgemeinen Erörterungen zll begnügen. Eine Heilung der Übelstände
kann nur dann erwartet werden, wenn die eigentümlichen Verhältnisse dieses
Berufes im einzelnen dargelegt und von denjenigen anderer Berufe unter
schieden werden.