Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Die unzureichende Ernährung der Arbeiterschaft. in 
der nun einsetzenden Zeit der ärgsten Lebensmittelnot 
hatte ein Nachlassen der Arbeitsleistung zur Folge. 
Die Regelung der Verkaufspreise im FEinklange mit 
der Geldentwertung war unmöglich. Die Vorräte an 
Rohstoffen und Fabrikaten gingen zur Neige, die 
Finnahmen sanken. Den Tiefpunkt erreichte diese 
Entwicklung im Jahre 1021, in dessen zweiter Hälfte 
die Ausgaben bereits höher waren als die 
Einnahmen und die Tabakregie knapp vor der 
Betriebseinstellung stand. 
Der nun einsetzende Wiederaufbau stellte 
lie Leitung der Tabakregie vor eine Reihe 
schwierigster Aufgaben. ; 
Vor allem mußten die für einen normalen Erzeu- 
zungsumfang nötigen Rohstoffe in entsprechen- 
der Qualität beschafft und in der Folge wieder 
Vorräte wie in der Vorkriegszeit angesammelt 
werden. So bedeutungsvoll sich auch der Ertrag des 
Tabakmonopols seit seinem Bestande für die Finanz- 
gebarung Österreichs erwiesen hatte und so dringend 
nötig die Sicherung dieser Einnahmsquelle gewesen 
wäre, war dennoch der junge Bundesstaat, der zu 
jener Zeit kaum die lebenswichtigen Bedürfnisse seiner 
Bevölkerung befriedigen konnte, außerstande, die be- 
Tächtlichen Geldmittel beizustellen, welche zur Er- 
werbung auch nur bescheidener Mengen der im Preise 
gewaltig gestiegenen Rohstoffe erforderlich waren. 
Hier nun erwies sich das hohe Ansehen, das 
sich die Tabakregie durch ihre fachkundige 
Führung und solide Geschäftsgebarung er- 
zungen hatte, von unschätzbarem Wert. Es fand sich 
an Konsortium holländischer T"ahakfirmen. 
das sich bereit erklärte, der Tabak- 
vegie einen langfristigen Bar- 
kredit in holländischer Währung 
zu eröffnen, und die Leitung der 
Tabakregie nahm dieses Anerbieten 
an, in der festen Zuversicht, das 
Unternehmen in absehbarer Zeit 
wieder auf seine alte Höhe bringen 
und ertragreich gestalten zu können. 
So konnte der Erzeugungsumfang 
allmählich dem Bedarfe angepaßt 
werden und die heimischen Fabri- 
sate fanden, obwohl sie anfänglich 
ü0ch keineswegs die alte Vorkriegs- 
Qualität besaßen, freudige Auf- 
nahme bei den Rauchern, denen in 
der Zeit der Rohstoffnot ihrem Ge- 
schmacke nicht zusagende ausländi- 
sche Zigarren und Zigaretten hatten 
zeboten werden müssen. 
Die nun rasch steigenden Ein- 
3ahmen ermöglichten es. früher 
ıls vorgesehen, den Kredit abzustatten. 
Die Valutaverhältnisse besserten sich allmählich, die 
Zeldbeschaffung gestaltete sich minder schwierig und 
costspielig. Die Tabakregie konnte nunmehr wieder 
nit regelmäßig zur Verfügung stehenden Geldmitteln 
echnen. Immerhin blieb sie in ihrem Zahlungsverkehre 
ıoch weiterhin etwas beengt, da ihr nur allmonatlich 
‚estimmte Teilbeträge des für das ganze Jahr fest- 
zesetzten Kredites zugewiesen wurden, ohne Rücksicht 
auf einen etwa eintretenden stärkeren Geldbedarf, 
Da die Tabakregie jedoch zeitweise zur Bezahlung 
‚on Rohstoffen Summen benötigte, welche die monat- 
‘ichen Teilkredite bedeutend überstiegen, half sie sich 
Jurch die Begebung von Wechseln, die gerne an 
Zahlungsstatt genommen und mit der Zeit sogar ein 
m Auslande gesuchtes Papier wurden. Dadurch hatte 
lie Tabakregie de facto ihre volle Handlungsfähig- 
zeit bei der Findeckung ihres Rohstoffbedarfes wieder 
arlangt. 
Mit Ende des Jahres 1027 wurden die letzten 
Wechsel eingelöst und seither werden die Rohstoffe 
zu den im. Tabakhandel üblichen Fristen mit den 
aräliminarmäßig zur Verfügung stehenden Geldern 
ezahlt. 
Die günstige Gestaltung der Rohstoff-Bevorrätigung 
arhellt aus der folgenden Aufstellung: 
Vorräte am I. November I918 rund 116.000 q 
Mitte I0920 . . . . 44.000 
Ende 1926 . . .. „ 203.000 , 
Ende 1927 . . .. „ 253.000 
Verarbeitet wurden: 
im Budgetjahre 1918/1910 . . . . 
1919/1920 . 
1926 . a 
10927 
\bb. 4. Arbeiterhaus in Hainburg a. D. 
BF
	        
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