ZEHN JAHRE ÖSTERREICHISCHES KUNSTHANDWERK (1919 — 1928)
Von Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven, Bibliotheksvorstand am Oesterreichischen Museum für Kunst und Industrie
Der Eintritt Josef Hoffmanns, Kolo Mosers und
Alfred Rollers in die durch Felician Freiherrn von
Myrbach neureformierte Wiener Kunstgewerbeschule,
die Berufung Arthur v. Scalas zum Direktor des
Desterreichischen Museums für Kunst und Industrie und
aicht zuletzt die Gründung der Wiener Sezession, die
auch der „angewandten Kunst” die nachhaltigste För-
derung zuteil werden ließ, bildeten den Auftakt zu jener
beispiellos erfolgreichen und konsequenten Entwicklung
des bis dahin in unfruchtbaren Stilimitationen befangenen
österreichischen Kunsthandwerks, als deren wichtigste
Marksteine man die Schaffung der „Wiener Werkstätte”
1903), die Veranstaltung der „Kunstschau Wien 1908”
and die Konstituierung des „Oesterreichischen Werk-
bundes” (1912) betrachten kann. Dank der unermüd-
lichen Arbeit zielbewußter Führer hatte das österreichi-
sche Kunstgewerbe in kaum anderthalb Jahrzehnten
ein so hohes künstlerisches Niveau erreicht, daß ein
berufener Kritiker wie Hartwig Fischel bereits 1013
anläßlich einer kunstgewerblichen Ausstellung im Oester-
reichischen Museum mit Befriedigung feststellen konnte*):
‚Wenn wir die Räume durchschreiten, welche ein so
abgeschlossenes und ein für die Zukunft ebenso ver-
neißungsvolles, wie für die Gegenwart erfreuliches Bild
ergeben, so ist der erste Eindruck vor allem jener der
Linheit des Strebens. Alle streben nach verwandten
Zielen, sie wirken unter einer merkbaren Führung, die
ie in parallelen Bahnen vorwärts treibt. Es ergreift
jeden Beobachter das beruhigende Gefühl, einer reifen
and männlichen Sicherheit gegenüberzustehen. Er sieht
handwerkliche Tüchtigkeit, innig verbunden mit künst-
lerischem Geist, unternehmungslustige Tatkraft, verbunden
mit Phantasie und Erfindung... Was einst nur ein
Wunsch war, ist heute erfreuliche Gewißheit: „Die Wahr-
heit in der Kunst ist auf dem Wege!” Und als am 6. Mai
[1914 das von Josef Hoffmann erbaute österreichische
Haus auf der Kölner Werkbundausstellung mit seinen
nustergültigen von Hoffmann, Kathrein, Peche,
Poppovits, Prutscher, Strnad, Wimmer und
Witzmann eingerichteten Interieurs eröffnet wurde,
konnte der Präsident des Deutschen Werkbundes Hofrat
Brucmann nicht umhin zu betonen, „daß das innerste
Wesen des Werkbundes im österreichischen Haus am
schönsten und reinsten zum Ausdruck komme” ?). Leider
konnte sich dieser erste große Erfolg, den die öster-
reichische E.delarbeit damals im Auslande erzielte, nicht
recht auswirken, da wenige Monate darauf der Krieg
ausbrach. Doch blieb die Erinnerung an die glänzenden
Leistungen Oesterreichs im Jahre 1914 in Köln bis in
unsere Tage lebendig und führte jüngst dazu, daß an
Oesterreich als einzigen. auswärtigen Staat die Einladung
arging, sich mit einer Kunstgewerbeschau an der Kölner
‚Pressa” zu beteiligen.
Der Umsturz rückte, wie auf so vielen andern Ge-
Dieten, auch hier Tendenzen in den Vordergrund, die
1) Kunst und Kunsthandwerk XVI. Jahrgang (1913) S. 613.
2 Kunst und Kunsthandwerk XVII. Jahrgang (1914) S. 2709.
ınfänglich bedrohlich und verwirrend erschienen, schließ-
ich aber doch gesunden und lebensfähigen Anschauungen
'Jatz machten. Was’ seit Jahren mühsam verhalten unter
{er Oberfläche geschlummert hatte, brach nun mit einem
Aale jäh hervor und warf alle gewohnten Prinzipien
ıber. den Haufen. Der Expressionismus — und in seinem
zefolge der Primitivismus, Kinetismus und Konstruktivis-
aus — bemächtigen sich auch des Kunstgewerbes und
„achten der vielgerühmten Stileinheit desselben ein
nde. Der Ausdrucdkswille überwand das Streben nach
7ollkommenheit der Form, der Kampf gegen den
Jaturalismus, dem die „freie Kunst” die „gegenstandslose
Aalerei” und „abstrakte Plastik” gegenüberstellte, äußerte
ich in der „angewandten Kunst” vor allem in der Ab-
age an das naturalistische Ornament, das durch das
ubistische oder kinetistische ersetzt werden sollte. Das
zentrum dieser Bewegung bildete in Wien die Klasse
les Professors Franz Cizek an der Kunstgewerbeschule,
lie in mehreren Ausstellungen im Oesterreichischen
Auseum (Juni 1921) und in der Fichtegasse 4 (1922 bis
924) den Nachweis erbrachte, daß diesen höchst revo-
utionären Versuchen, die alte Form zu zertrümmern,
‚weifellos ein positiver Wert innewohne, und nicht nur
lie Flächendekoration, die Plakatkunst und ornamentale
öchrift, sondern auch die Keramik und Glasfabhrikation
zich der neuen Formensprache des Kinetismus mit Nutzen
bedienen könne).
Allein nicht bloß an den hergebrachten Formen, auch
ım Begriff des Kunstgewerbes wurde jetzt energisch
rerüttelt. Was einst Adolf Loos so temperamentvoll
zepredigt hatte ®), daß man das Wörtchen „Kunst” aus
ler Bezeichnung „Kunsthandwerk” gänzlich eliminieren
;olle, das erscholl nun auch aus dem Kreise Professor
Jr. Oskar Strnads®) als Forderung der neuen Zeit, die
‚on den Finrichtungsstücken und Gebrauchsgegenständen
ıcht mehr verlange, daß sie „schön”, sondern daß sie
»raktisch und bequem seien und gut „funktionieren”.
\us dieser Bevorzugung der technischen Werte gegen-
über den rein ästhetischen ergab sich folgerichtig der
‚ehr zeitgemäße Gedanke der „Typisierung” und „Nor-
nung” handwerklicher Erzeugnisse, der den Bereich der
Edelarbeit” auf die vornehmlich Schmuckzwecken
lienenden, im Werkstättenbetrieb hergestellten Luxus-
linge einschränkte. für den täglichen Bedarf aber die
ı) Vgl. über die verschiedenen Bestrebungen der Cizekschule
lie Schriften von L. W. Rochowanski „Der Formwille der
Zeit in der angewandten Kunst”, Wien, Burgverlag 1022, "und
‚Dreißig Jahre Jugendkunst”, Troppau 1928, sowie das von der
Klasse für Jugendkunst 1922 im Burgverlag herausgegebene
3ilderbuch „Weihnacht” und Arpad Weixlgärtners Auf-
jatz „Kindergraphik” in den „Graphischen Künsten” XLV. Band
1922), S. I bis 20.
») Vgl. Adolf Loos; Ins Leere gesprochen, Paris, G. Crös &
Cie., 1921, und Karl Marilaun, Adolf Loos (Die Wiedergabe,
Reihe, 5. Band), Wien, Wila 1922.
3) Vgl. Prof. Dr. Josef Frank, Kunst, Kunsthandwerk und
Maschine, und Prof. Ernst Lichtblau, Aestethik aus dem
Zeiste der Wirtschaft, in „Die Ware” I. Jahrgang (1023), S. 70 f£.