Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Schweden, Dänemark und auch nach Deutschland be- 
fördert wurden. Durch die Kindertransporte ins Ausland 
wurden wertvolle Beziehungen geschaffen, die noch viele 
Jahre später zur Belebung des Reiseverkehrs mit 
Österreich führten. ; 
Es mußte eine Reihe von Jahren vergehen, bis das 
österreichische Eisenbahnwesen aus‘ dem allgemeinen 
Zusammenbruche sich wieder allmählich erholen 
konnte. 
Noch das im Juni 1920 herausgegebene österreichische 
Kursbuch hat den Vermerk enthalten: „Die Führung 
von durchlaufenden Wagen, Schlaf- und Speise- 
wagen ist von den derzeit stets wechselnden Verkehrs- 
verhältnissen abhängig und wird fallweise verlaut- 
bart.” Die Dezemberausgabe 10920 verzeichnet bereits 
50 zwischen Österreich und dem Auslande durchlaufende 
Personen-, Speise- und Schlafwagenkurse. Erst der 
Winterfahrplan 1021/1022 läßt erkennen, daß die ein- 
stigen Verkehrsbeziehungen Österreichs 
nach allen Richtungen wieder aufgenommen 
wurden — wenn auch noch in geringem Ausmaße — 
und, daß mit einer dauernden Besserung der Verhält- 
aisse im Verkehrswesen nunmehr zu rechnen war. 
In zahlreichen Konferenzen mit den ausländischen 
Bahnverwaltungen und späterhin bei den wieder einge- 
tührten alljährlichhen internationalen Fahr- 
plan- und Wagenbeistellungskonferenzen, an 
denen wieder alle Bahnverwaltungen Europas teilnehmen, 
wurde in fortgesetzten Verhandlungen die Ausgestaltung 
des internationalen Zugsverkehres beraten und schritt- 
weise durch Einführung neuer Züge oder Verbesserung 
bestehender Zugsverbindungen der Zugsverkehr den 
wieder erwachten Reisebedürfnissen angepaßt, so daß der 
heutige Verkehr Österreichs den Friedensverkehr 
in manden Fällen sogar übertrifft. 
Von den internationalen Expreßzügen war es 
der Orient-Expreßzug, der zuerst wieder geführt 
wurde. Der Reiseverkehr mit Paris und Frankreich 
wurde zunächst über den Arlberg abgewickelt, dodı 
noch im Jahre 1920 erfolgte die Einführung eines 
Luxuszuges (an 3 Tagen in der Woche) zwischen 
Wien und Paris über München-Straßb urg, der 
auch durchlaufende Wagen Wien-Boulogne, Wien- 
Calais und Wien-Ostende führte und der im Jahre 
1921 als „Orientexpreß” wieder bezeichnet und bis 
und von Bukarest weitergeführt wurde. Die Wieder- 
einführung des „Ostendeexpreß” im Anschlusse von 
Linz über Passau vom Orientexpreß erfolgte erst im 
Jahre 1025. Der seit dem letzten Friedensjahre der Vor- 
kriegszeit nicht mehr in Verkehr gestandene Wien 
Südbahnhof) -San Remo-Nizza-Cannes-Expreß 
wurde im Winter 1023/24 wieder ‚eingeführt (dreimal 
wöchentlich, erstmalig vom 15. Dezember 1023 bis 
'5. Mai 1924). 
Als zur Zeit der Besetzung des Ruhrgebietes der 
Verkehr des Orientexpreßzuges nicht mehr über Süd- 
deutschland geleitet werden konnte, erfolgte dessen 
Führung über den Arlberg (Ende Jänner 1923). Anläß- 
lich der Zurückverlegung des Orientexpreß auf die 
normale Route über München gelang es, die Einführung 
des „Arlberg-Expreßzuges” zu vereinbaren, wo- 
durch nunmehr. an drei Tagen in der Woche auch eine 
äußerst beschleunigte Reiseverbindung zwischen Wien 
and Paris (Bukarest) über den Arlberg besteht. 
Die Fahrzeiten aller Züge, insbesondere die 
der Luxus-, Expreß- und D-Züge wurden entsprechend 
der fortschreitenden Besserung im Zustande des Ober- 
»aues und der Fahrbetriebsmittel, insbesondere der 
Lokomotiven, immer wieder gekürzt. So beträgt z. B. 
die Fahrtdauer der Reiseverbindung Paris-Wien im Zuge 
D 40 derzeit bloß 25 Stunden 45 Minuten, eine Reise- 
zeit, die vordem auf diesem Wege nicht erzielt worden 
war. Nunmehr nimmt Österreich wiederum den ihm 
lank seiner günstigen geographischen Lage gebüh- 
‘enden Platz im internationalen Reisever- 
xehr ein. Aber nicht nur für den Durchzugsverkehr 
zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd sind 
iußerst günstige Reisemöglichkeiten wieder geschaffen 
worden, sondern es wurde auch Bedacht darauf ge- 
ıommen, daß günstige Fahrgelegenheiten auch 
rum Besuch der vom Hauptreisewege abge- 
egenen landschaftlih sdhönen Gebiete Öster- 
reichs geboten werden. 
Inwieweit der Ausbau des internationalen Reisever- 
sehres bereits erfolgt ist, bzw. welche Bedeutung Öster- 
‘eich im zwischenstaatlichen Verkehre nunmehr wieder 
mukommt, zeigt die Beteiligung Österreichs am 
nternationalen Kurswagenverkehre. Von den 
‘und 760 Kurswagen, die insgesamt für den zwischen- 
taatlichen Verkehr Mitteleuropas für den Fahrplanab- 
‚schnitt 1028/20 unter den beteiligten FEisenbahnver- 
waltungen vereinbart wurden, stellen die österreichischen 
3undesbahnen 218 Wagenkurse, das sind rund 30% der 
zesamtzahl. Hievon haben 150 Kurse einen österreichi- 
hen Bahnhof als Ausgangs- und Endbahnhof, während 
58 Kurse Österreich im Durchzug berühren. Es ist selbst- 
verständlich, daß die Bemühungen, Österreich in den 
nternationalen Reiseverkehr noch weiter einzubeziehen, 
‘ortgesetzt werden. Ein großer Erfolg ist erst heuer bei 
»ner Konferenz in Brüssel dadurch erzielt worden, daß 
ler Ostende-Orient-Expreß, der bisher nur von 
7aris und Ostende nach Bukarest und zurück ver- 
zehrte, nunmehr auch nach und von Belgrad, Sofia, 
5>tambul und Athen fortgesetzt wird. Vom 15. Mai 
„ J. verkehrt auch wieder wie vor dem Kriege dreimal 
wöchentlich der Ostende-Orient-Expreß mit einem 
schlafwagen Ostende-Stambul. Zwischen Nisch und Kon- 
;tantinopel wird dieser Wagen in dem über Italien 
aufenden Simplon-Expreß geführt. . 
Noch schwieriger als die Maßnahmen zur Wieder- 
1erstellung der Reiseverkehrsverbindungen mit dem 
ı1euen und alten Auslande gestalteten sich die verkehrs- 
»olitischen Vorbereitungen für die. Wiederaufnahme 
und Belebung eines geregelten GüterauSs- 
‚:ausches mit den Nachbarländern. Die Tarife 
für den zwischenstaatlichen Personen-, Gepäck- und 
züterverkehr, diese festen Stützen der internationalen 
/erkehrsbeziehungen, waren außer Kraft getreten, Per- 
sonen, Reisegepäck und Güter konnten von österreichi- 
;chen Bahnhöfen nur bis zur Landesgrenze abgefertigt 
verden. Die unsicheren Valutaverhältnisse hatten über- 
lies zur Folge, daß die dem Internationalen Überein- 
sommen über den Eisenbahnfrachtverkehr unterstellten 
'isenbahnen außerstande waren, den zwischenstaatlichen
	        
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