Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Umstände beeinflussen bei diesem Verfahren noch in 
aachteiliger Weise den Erfolg. Das nunmehr für den 
öffentlichen Dienst erstmalig verwendete Bildübermitt- 
lungsverfahren, das von Karolus unter Mitwirkung 
von. Siemens und Halske, Telefunken und der Deut- 
schen Reichspost entwickelt worden ist, und an die 
Stelle der Selenzelle die sogenannte Photozelle setzt, 
vermeidet die erwähnten Unvollkommenheiten. Damit 
erst wird der Bildtelegraphenapparat zu einem tech- 
nisch einwandfreien und für den öffentlichen Verkehr 
auch in wirtschaftlicher Hinsicht brauchbaren Nach- 
richtenmittel. 
Die dem praktischen Betriebe übergebene Bildtele- 
graphenleitung Wien-Berlin wird vermutlich nicht 
lange die einzige Verkehrsbeziehung ihrer Art bleiben. 
Wenn es vorläufig noch nötig ist, Bildtelegramme 
aus anderen Orten Österreichs und Deutschlands als 
Wien und Berlin den Bildstellen in diesen beiden 
Orten mit der Post zuzuführen, so darf daran er- 
innert werden, daß dieser Zustand eine gewisse Ähn- 
lichkeit mit demjenigen aufweist, der um die Mitte 
des vorigen Jahrhunderts hinsichtlich der ersten elek- 
irischen Telegraphenverbindungen bestand. Auch 
damals wurden Telegramme zu und von Telegraphen- 
ämtern mit der Post befördert. 
Die Bildtelegraphie vermag auch drahtlos zu ar- 
beiten (Bildfunk); Versuche dieser Art wurden eben- 
falls zwischen Wien und Berlin aufgenommen. Ver- 
mutlich werden künftig beide Übertragungen einander 
ebenso wertvoll ergänzen, wie es gegenwärtig hin- 
sichtlich der üblichen Telegraphensysteme tatsächlich 
geschieht. 
Die rasche Entwicklung der Fernkabelnetze 
pietet die Möglichkeit, die Bildtelegraphie in großem 
Umfang einzuführen, wenn die Öffentlichkeit durchrege 
Benutzung des neuen Nachrichtenmittels eine wirtschaft- 
liche Handhabung des Verfahrens ermöglichen hilft. 
In ihrer Wirtschaftlichkeit von der Aufnahme 
durch die breite Öffentlichkeit unabhängig ist die 
zweite der angeführten Neuerungen im Telegraphen- 
betrieb mit metallischer Verbindungsleitung, die soge- 
nannte Tonfrequenztelegraphie, der gerade darum 
eine um so einschneidendere Bedeutung zukommt, 
weil sie ihrem Wesen nach zu einer außerordentlich 
gesteigerten Ausnützung der Betriebsmittel führt und 
damit einen wirtschaftlichen Erfolg von großer Trag- 
weite ermöglicht. Die Tonfrequenztelegraphie bedient 
sich nämlich nicht mehr der bisher üblichen, über 
Freileitungen geführten Gleichströme mit Erdrück- 
leitung, sondern arbeitet mit Wechselströmen von der 
Art und Frequenz der Fernsprechströme, die auch 
wie die Fernsprechströme durch die dem Sprechver- 
kehr auf weite Entfernung dienenden Fernkabel ge- 
leitet und durch die Verstärkerämter verstärkt werden 
können, so daß ihre Reichweite nahezu unbegrenzt 
ist. Durch Wahl verschiedener Frequenzen kann man 
auf vier Adern eines Fernsprechkabels gleichzeitig 
‚echs bis zehn Telegraphenverbindungen einrichten, 
lie sich gegenseitig nicht stören. So wurde, um den 
Telegraphenleitungen für den Verkehr nach der 
Schweiz und darüber hinaus, sowie für den Verkehr 
iber München, die dringend. notwendige Entlastung 
auf der Strecke Wien-Innsbruck zu bringen, in der 
Telegraphenzentralstation Wien und im Telegraphen- 
ıamte Innsbruck je ein Sende- und ein Empfangsgestell 
;amt den zugehörigen Batterien und Nebeneinrich- 
ungen für sechs Frequenzen aufgestellt, die den 
Telegraphenverbindungen 
Il. Wien-Innsbruck-Mailand 
2. Wien-Innsbruck-Zürich 
3. Wien-Zürich—Paris 
4. Budapest—-Zürich 
3. Wien-Innsbruckk-München 
6. Wien-Innsbruckk-München-Berlin 
zu dienen haben. Mit der deutschen Reichspost sind 
Verhandlungen über die Einrichtung einer zweiten 
Tonfrequenzverbindung Wien-Nürnberg im Zuge, die 
zur Aufnahme der jetzt zwischen Wien und Nürn- 
berg als einfache Freileitungen verlaufenden direkten 
Telegraphenverbindungen von Wien nach Köln, 
7rankfurt, London, Hamburg, Berlin und Leipzig 
lienen sollen. Da für die nächsten Jahre mit der 
Zinrichtung weiterer Tonfrequenzverbindungen nach 
talien, Jugoslawien, Ungarn und Tschechoslovakei zu 
‚echnen ist, wird schon jetzt zwischen dem neuen 
Überlandfernsprechamt Wien I, Schillerplatz und der 
F’elegraphenzentralstation am Börseplatz ein 40 Adern- 
paare enthaltendes Kabel mit den Eigenschaften der 
lem Sprechverkehr auf weite Entfernung dienenden 
/ernkabel gelegt, das für alle Tonfrequenzverbindun- 
sen den erforderlichen Raum bieten wird. 
Schon der Umstand, daß die eben besprochene 
Tonfrequenztelegraphie bei den Einrichtungen des 
Ternsprechers zu Gaste geht, mag erkennen lassen, 
welche Bedeutung den Fortschritten auf dem Gebiete 
des Fernsprechwesens zukommt. Die wichtigsten 
lieser Fortschritte bestehen in der Umstellung des 
5prechverkehres auf das automatische System 
ınd in der Umwandlung des Verkehrsnetzes durch 
Xabelung, insbesonders für den Sprechverkehr auf 
weite Entfernung. Mit der möglichst. raschen und 
zweckmäßigen Durchführung dieser Neuerungen haben 
sich seit dem letzten Jahrzehnt die Verwaltungen 
aller Staaten zu befassen. In Österreich aber fand sich 
lie Verwaltung vor eine schwierigere Aufgabe gestellt. 
Die auf dem Bundesgebiete gelegenen Fernsprech- 
anlagen waren nach dem Kriege in einem kaum mehr 
betriebsfähigen Zustand. Nur das Überlandfernsprech- 
aetz war, wenigstens noch soweit militärische Rück- 
zichten es forderten, instandgehalten und teilweise 
ausgebaut. Die Ortsnetze aber hatten während deı 
Kriegsiahre nur eine völlig unzulängliche Instand-
	        
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