Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Ohatfta: Ost. Lichtbhildstelle 
Blid auf das Schloß Schönbrunn 
FREMDENVERKEHR 
Von Sektionsrat im Bundesministerium für Handel und Verkehr, Ingenieur Erwin Deinlein. 
Inmitten der Trübsal jener schicksalschweren Tage 
bei Kriegsende, in denen nach dem Diktat der Sieger 
die neuen Grenzen um Österreich gezogen wurden, 
fiel ein Wort des Trostes, an dem sich — so wider- 
zinnig es damals auch scheinen mochte — die erste 
schwache Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufzurichten 
begann. Dieses Wort hieß: Fremdenverkehr und 
ergab sich eigentlich ganz von selbst durch den nahe- 
liegenden Vergleich Österreichs mit der benachbarten 
Schweiz, dem verheißungsvollen und nachahmenswerten 
Muster einer Pflegestätte des Fremdenverkehrs. Aller- 
dings, bald kam man auch darauf, daß dieser Vergleich 
bedenklich hinkte. Vorläufig gab es wohl unverkennbare 
sußerliche Ähnlichkeiten, wie die rein kontinentale 
Lage, der alpine Charakter und der damit verbundene 
hohe landschaftliche Reiz, die verhältnismäßige Kleinheit 
der Bodenflähe und Einwohnerzahl, die friedfertige 
Bevölkerung, die auch im Kriege nicht hassen gelernt 
hatte, und dann noch eine Reihe besonderer Reiseantriebe, 
die zum Vergleich lockten. Österreich war in letzterer 
Hinsicht vielleicht sogar noch im Vorteil, denn es hatte 
die Weltstadt der Musik und des Theaters, das 
altehrwürdige Zentrum der Kultur und Kunst im Osten, 
die berühmte Pflegestätte der medizinischen 
Wissenschaft — es hatte Wien. Überhaupt, an Reise- 
antrieben ersten Ranges hatte auch das neue Österreich 
keinen Mangel, wenn es auch gegenüber dem in 
Trümmer gegangenen Kaiserstaat an der Mannigfaltig- 
keit landschaftlicher Reize und an Kunst- und Kultur- 
schätzen eine Finbuße erlitten hat. Aber an ihre volks- 
wirtschaftliche Auswertung im Wege eines gesunden 
Fremdenverkehrs war vorläufig nicht zu denken. 
Die Einrichtung der Gaststätten war nahezu zugrunde- 
zerichtet, die Lebensmittelversorgung lag im argen wie 
nie zuvor, die Eisenbahnen mußten, soferne sie mit 
hrem in. den langen Kriegsjahren fast zusammen- 
zebrochenen Fahrpark einen Verkehr überhaupt not- 
lürftig aufrecht erhalten konnten, stündlich damit rechnen, 
lurch den so oft und plötzlich eintretenden Kohlen- 
nangel zur Einstellung auf unbestimmte Zeit gezwungen 
zu werden und die noch betriebsfähig gebliebenen Last- 
kraftwagen vollendeten mit ihren Eisenreifen das Zer- 
;törungswerk des Krieges auf den Straßen. Die Grenzen 
aber waren verrammelt und hermetisch verschlossen. 
Begreiflidh, daß niemand daran dachte, Gäste zu 
»mpfangen, wenn es im eigenen Hause so schlecht be- 
tellt war. 
In der folgenden Inflationszeit bildeten sich. aus der
	        
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