556
Zweiundzwanzigstes Buch.
gedacht wird als das heutige, bewegen sie sich in sich freier,
ungebundener als die Charaktere der Gegenwart.
Im Sinne der soeben aufgestellten Unterschiede ist Schiller
kaum je völlig realistischer Dichter gewesen. In seiner Jugend⸗
zeit war er vielmehr idealistischer Zukunftsdramatiker und in
seinen reiferen Jahren historischer Idealist, während „Don
Carlos“, das Drama der Zeit zwischen Jugend und Reife,
zwischen diesen beiden Spielarten vermittelt.
Schon von dieser Betrachtung aus also hat Schiller eine
zwar einseitige, aber bedeutende Entwicklung erlebt. Stellen
wir uns aber auf den allgemeinen idealistischen Standpunkt
der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts und übersehen
von diesem aus die Einzelheiten seines Schaffens, so tritt uns
erst recht eine schier unentwirrbare und tatsächlich auch nicht
immer gänzlich klare Fülle der Entwicklung entgegen; und
Goethe behält recht mit dem Verse, in dem er gelegentlich eines
Maskenzuges im Jahre 1818, der Bilder aus Schillers Dramen
darstellte, den verewigten Freund „den Sinnenden“ nannte,
„der alles durchgeprobt“.
Wir erinnern uns, daß Schiller in seinen Jugenddramen
klar noch an Resten, in unklarer Weise vielleicht sogar noch am
Ganzen der christlichen Schicksalsidee festgehalten hatte!, wenn
sich ihr auch immer mehr, und schließlich im letzten Akte jedes
Stückes siegreich, ein immanentes, nicht näher charakterisiertes
Schicksal, ein Schicksal aber jedenfalls der Rache und der Ver—
geltung, entgegenstemmte.
Wie stellte sich nun zu dieser Entwicklung das erste der
großen Dramen der reifen Zeit, die „Wallenstein“-Triologie?
Man weiß, daß dem Dichter die Bewältigung dieses Stoffes,
der ihm aus der Bearbeitung der Geschichte des Dreißig⸗
lährigen Krieges zuwuchs, große Schwierigkeiten gemacht hat.
Und die Lösung ist denn auch keineswegs durchsichtig. Das
Schicksal scheint, etwas äußerlich betrachtet, beinahe in die
Armee verlegt zu sein; sie ist das „Objekt, worauf ‚Wallen⸗—
S. oben S. 4709 ff.