Object: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 1)

— 128 — 
schaft nicht zu kümmern. In diesem schmutzigen Kerl 
mit der kalten, leeren Miene hätte niemand den reichsten 
Mann Amerikas vermutet. 
Erwerbstrieb war sein ausgesprochenster Charakterzug. 
Noch vor dem Tode seines Vaters hatte er durch Land- 
spekulationen und Bankgeschäfte ein eigenes Vermögen 
angesammelt, und eine halbe Million Dollar hatte er von 
seinem Onkel Henry, einem Schlächtermeister, geerbt. 
1846 soll er 5 Millionen Dollar Privatvermögen besessen 
haben. Während der letzten Jahre seines Vaters war er 
Präsident der Amerikanischen Pelzgesellschaft gewesen, und 
er kannte auch sonst jede Einzelheit in den weitver- 
zweigten Interessen und Besitzungen seines Vaters. 
William B. Astors Zeit 
Er wohnte in einem. für damalige Verhältnisse schönen 
Hause am Lafayette-Platz, neben der Astor-Bibliothek. 
Seine Möbel, sein Tischgeschirr waren prächtig, und Diener 
aller Sprachen standen gehorsam seinem leisesten Winke 
bereit. Aber er genoß seinen Reichtum nicht an sich, nicht 
als froher Genießer, sondern nur wegen der Atmosphäre 
von Macht, mit der er ihn umgab, und seine Kärglichkeit 
war nicht der Ausfluß weiser Selbstbeschränkung, sondern 
knickeriger Gewohnheiten. Er prüfte und überprüfte den 
kleinsten Ausgabeposten. Wein brachte er selten an seine 
Lippen, und der Durchschnittskaufmann gab mehr für die 
Garderobe aus als er. Zu einer Zeit, wo die Reichen das 
Gehen verabscheuten und sich von schnellen Pferden durch 
die Straßen fahren ließen, machte er alle Geschäftsgänge 
zu Fuß. Diese strenge Sparsamkeit übte er nicht bloß im 
eigenen Haushalt, sondern übertrug sie auf jede Einzelheit 
seiner Geschäfte. Er stand früh auf und erledigte seine 
Privatkorrespondenz vor dem Frühstück, das pünktlich 
um neun aufgetragen wurde. Dann begab er sich in sein 
Kontor in der Prince-Straße. 
Ein zeitgenössischer Autor sagt von ihm: „Er kannte 
jeden Fußbreit Landes, der ihm gehörte, jeden Vertrag, 
jeden Kontrakt, jede Verpachtung. Er wußte genau, was
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.