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schaft nicht zu kümmern. In diesem schmutzigen Kerl
mit der kalten, leeren Miene hätte niemand den reichsten
Mann Amerikas vermutet.
Erwerbstrieb war sein ausgesprochenster Charakterzug.
Noch vor dem Tode seines Vaters hatte er durch Land-
spekulationen und Bankgeschäfte ein eigenes Vermögen
angesammelt, und eine halbe Million Dollar hatte er von
seinem Onkel Henry, einem Schlächtermeister, geerbt.
1846 soll er 5 Millionen Dollar Privatvermögen besessen
haben. Während der letzten Jahre seines Vaters war er
Präsident der Amerikanischen Pelzgesellschaft gewesen, und
er kannte auch sonst jede Einzelheit in den weitver-
zweigten Interessen und Besitzungen seines Vaters.
William B. Astors Zeit
Er wohnte in einem. für damalige Verhältnisse schönen
Hause am Lafayette-Platz, neben der Astor-Bibliothek.
Seine Möbel, sein Tischgeschirr waren prächtig, und Diener
aller Sprachen standen gehorsam seinem leisesten Winke
bereit. Aber er genoß seinen Reichtum nicht an sich, nicht
als froher Genießer, sondern nur wegen der Atmosphäre
von Macht, mit der er ihn umgab, und seine Kärglichkeit
war nicht der Ausfluß weiser Selbstbeschränkung, sondern
knickeriger Gewohnheiten. Er prüfte und überprüfte den
kleinsten Ausgabeposten. Wein brachte er selten an seine
Lippen, und der Durchschnittskaufmann gab mehr für die
Garderobe aus als er. Zu einer Zeit, wo die Reichen das
Gehen verabscheuten und sich von schnellen Pferden durch
die Straßen fahren ließen, machte er alle Geschäftsgänge
zu Fuß. Diese strenge Sparsamkeit übte er nicht bloß im
eigenen Haushalt, sondern übertrug sie auf jede Einzelheit
seiner Geschäfte. Er stand früh auf und erledigte seine
Privatkorrespondenz vor dem Frühstück, das pünktlich
um neun aufgetragen wurde. Dann begab er sich in sein
Kontor in der Prince-Straße.
Ein zeitgenössischer Autor sagt von ihm: „Er kannte
jeden Fußbreit Landes, der ihm gehörte, jeden Vertrag,
jeden Kontrakt, jede Verpachtung. Er wußte genau, was