DAS KAFFEEHAUS IN SEINER HEIMAT 511
abgewonnen. Lenaus wunderschöne Verse „Die drei Zigeuner“
sind viele Jahre mein Lieblingsgedicht gewesen. Oft habe ich
es leise in die dunkle Nacht hinaus geflüstert, wenn ich
nächtens am Fenster stand, zum sternenklaren Sommer-
himmel hinaufträumte und den geheimnisvollen Rätseln des
unendlichen Kosmos nachgrübelte. Die drei Zigeuner Lenaus
lagern in warmer Sternennacht am Waldesrand. Der erste hat
die Pfeife im Mund und blickt still den verkräuselnden Rauch-
wölkchen nach. Der zweite liegt im weichen Gras, denkt gar
nichts, sondern schläft und läßt sich bunte, herrliche Traum-
bilder vorgaukeln. Der dritte streicht seine alte, unscheinbare
Geige und läßt sie aufjauchzen in jubelnder Freude und
schluchzen in seligem Leid. Den europäischen Hoteliers, die
zurzeit wahrlich nicht auf Rosen gebettet sind, die harte Zeiten
durchlebt haben und denen vielleicht noch schwere Tage bevor-
stehen — wer vermag im dunklen Schicksalsbuche zu lesen? —
möchte ich die letzten Strophen dieses schönen Lenauschen
Gedichtes von den drei Zigeunern ans Herz legen:
Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie man’s verraucht, verträumt, vergeigt,
Und es dreifach verachtet.
Ein anderes Bild. Vom „Batzenhäusl‘“ im altertümlichen,
sonnigen Bozen hast du sicher schon gehört, verehrter Leser,
oder es gar selbst erlebt. Setze dich mit mir in das erinnerungs-
reiche Erkerzimmer dieser altehrwürdigen Gaststätte und lasse
dich von Träumen aus verklungenen Tagen umschweben.
Lieder des Minnesängers und Frauenlieblings Walther von der
Vogelweide — Frauen trugen ihn zu Grabe — werden lebendig,
wenn du dort, still versunken, vor dich hinträumst, und wenn
die moderne Welt mit ihrem Hasten und Lärmen versinkt. Das
Mittelalter mit seinem Zunftwesen, die Renaissance- und
Biedermeierzeit tauchen auf. Die Zeit, da die Kaffeehäuser
entstanden, von denen ich soeben erzählte. An die Neuzeit
wollen wir nicht rühren. Das Batzenhäusl hat manch guten
Tropfen. Versenken wir das letzte Dezennium im goldklaren
Wein.
Nun sind wir in der rechten Stimmung. Ich breite meinen
Zaubermantel aus, der Phantasie heißt, und trage uns sanft und