196 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 654
wenigstens einige sichere Anhaltspunkte über die Zunahme des Wechselgebrauchs und
über das verschiedene Maß derselben je nach den Ländern und den Zwecken, denen der
Wechsel dient. Als Zahlmittel nahm er in den entwickeltesten Staaten bis gegen 1850
stärker zu als später; er trat dann als solches etwas zurück, weil in diesen Ländern
die sofortige Barzahlung mit der Abkürzung der Geschäftstermine, mit den heutigen
Verkehrsmitteln zunahm, weil der Wechsel vielfach durch Noten-, Giro- und telegraphische
Zahlungsüberweisung ersetzt wurde. Als Kreditmittel nahm er überall bis in die
neueste Zeit zu, aber wohl am stärksten in den Ländern der jüngern wirtschaftlichen
Entwickelung, die vor 1850 noch kein sehr großes Wechselgeschäft gehabt hatten. Großen
Schwankungen ist die Zahl der umlaufenden und diskontierten Wechsel stets je nach
der Konjunktur ausgesetzt.
Tooke schätzt die im Vereinigten Koönigreich jeweilig durchschnittlich im Umlauf
gewesenen Wechsel 1848 auf 2,8, 18560 auf 8, 1856 auf 4 Milliarden Mark.
Der Durchschniitsbestand an Wechseln in der preußischen Bank war 18174518385 80,
1840- 18850 27 -42, 1870 - 1875 276- 866 Mill. Mk.; er stieg bei der deutschen
Reichsbank von 402 Mill. 1876 auf 800 im Jahre 1900. Der Gesamtbetrag der bei
der preußischen und deutschen Reichsbank im Jahre vorgekommenen Wechsel war 1847
Zos, I860 1068, 1875 4007, 1888 6888, 1800 8764 Mill. Mk. Vom Wechselstempel
wurden in Deutschland 1870 Wechsel im Betrag von 12, 1878 von 15,6, 1886 von
13,1 1891 von 16,2, 1900 von 28,8 Milliarden Mk. erfaßt. Der durchschnittliche
jeweilige Wechselumlauf in Deutschland stieg 1872 -1900 von 3 auf 5,8 Milliarden.
Rach einer Zusammenstellung, welche Neumann-Spallart und Juraschek über das
Wechselportefeuille einer bestimmten Zahl Notenbanken verschiedener Länder machten,
ftieg der Wechselbestand derselben Ende Dezember 186851878 von 422 auf 6,9, sank
dann bis 1880 auf 5—6, stieg bis 1890 auf 11,1, sank bis 1893 wieder auf 10,2
Milliarden Mark. Mag der Wechselverkehr in England, Frankreich und Deutschland
1860 — 1900 entfernt nicht so gestiegen sein wie z. B. der Giroverkehr oder wie in den
Vereinigten Staaten sowie in Hsserreich, Italien und Rußland, weil er in diesen
Ländern bis 1860 ziemlich mäßig war, das zeigen die Zahlen jedenfalls, um welche
enormen Beträge, um welche kolossalen Zahlungen und Kreditierungen es sich da handelt.
188. Das Wesen des Kredits. Kehren wir nach dieser Aufzählung der
einzelnen Arten und Formen des Kredits zu der Frage zurück, wie wir die Summe
der so geschilderten wirtschaftlichen Vorgänge ziehen und begrifflich festhalten können,
so werden wir den Kredit definieren, weder bloß als ein Vertrauen auf ein Versprechen,
noch als Übertragung von Kapital schlechthin — darunter fällt jeder Kauf, jede Ver—
erbung ebenso —, sondern als den Inbegriff der psychologischegeschäftlichen
Vorgussetzungen und der in Sitte und Recht wurzelnden Beziehungen
und Einrichtungen der Volkswirtschaft, welche entgeltliche leihweise
Guüterübertragungen mit zeitlich differenzierter Leistung und Gegen—
leistung herbeiführen. Das Kreditwesen eines Landes ist der Inbegriff der
hierauf bezüglichen Geschäftsverhältnisse und Institutionen. Durch den Kredit entsteht
ine Unfumme von Gülerübertragungen und Kaufkräften, welche künftigen Zahlungs—
verbindlichkeiten entsprechen; diese sind für Tage, Monate, Jahre im voraus bestimmt;
der Kredit erzeugt nicht Kapital, sondern nur Forderungen, Kreditpapiere und
urkunden; er anticipiert nicht künftige Güter, sondern verteilt nur die vorhandenen
in anderer, wenn er richtig sungiert in passenderer, den wirtschaftlichen Verhältnissen
angemessenster Weise; ohne den Vermögensinhabern ihre Rechte, ihre Rente zu nehmen,
überträgt er die Güter auf andere unter der Bedingung künftiger Gegenleistungen. So
entsteht durch den Kredit in jedem Moment eine von der Eigentumsverteilung ab—
weichende, durch die wirtschaftlichen Bedürfnisse, durch die Prozesse der Güterproduktion,
des Güterumlaufs, des Zahlungswesens bedingte Kapital- und Güterverteilung.
Die Voraussetzung dieser Güterübertragungen ist eine kleinere oder größere Un—
gleichheit der Vermögensverteilung, ist die Thatsache, daß an vielen Stellen der wirt⸗
schaftlichen Welt Uberfluß an Gütern, an andern Mangel ist, daß Eigentumsverteilung