200
Vierter Teil.
lichen und auch von Eifersucht freien Art in Mittel-, Süd- und
Westeuropa (Skandinavien und Rußland kenne ich nicht) vergebens
suchen würde, "Aber die überreservierte, von Scheinheiligkeit
nicht absolut fremde Art, mit der in den angelsächsischen
Ländern erotische Dinge behandelt werden, und
eine Reihe öffentlicher Skandale haben dennoch gerade bei dem
mutigen Teile der öffentlichen Meinung in Amerika Zweifel an
der Berechtigung der Koedukation aufkommen lassen. Einen
Stein des Anstoßes bildet die Rolle des Automobils in der amer1-kanischen
Gesellschaft. Die Häufigkeit der Automobile in
Amerika — 23000000 im ganzen, was in einigen Staaten den
vierten bis fünften Teil der Bevölkerung als im Besitz eigener
Wagen erscheinen läßt — wirkt mit der Enge und Übersichtlichkeit
der Wohnungen, der strengen Überwachung der
Hotels (wenigstens in vielen Staaten) und der Nichtexistenz
von Cafes und Restaurants im Sinne des europäischen Kontinents
dahin zusammen, daß heute das Automobil zum wesentlichen
Stelldichein der Geschlechter geworden ist. In verborgenen
Winkeln der städtischen Parks und in den Waldungen
der mittelbaren und unmittelbaren Umgebung sieht man Hunderte
von Automobilen mit verhangenen Vorhängen und gelöschten
Lichtern, um die sich niemand kümmert. Auch auf
öffentlichen und geschlossenen Bällen pflegen sich die Pärchen,
je nachdem auf ein Viertelstündchen oder ein paar Stunden, per
Automobil zu entfernen®®, Es ist nicht nötig, anzunehmen, daß
jedes. dieser Pärchen unerlaubten Liebesfreuden nachgeht;
90b Die erotische Rolle des Automobils in Amerika und der sog. „petting
parties“ wird jeder aufmerksame Beobachter des amerikanischen Lebens mit
Leichtigkeit wahrnehmen können. In der amerikanischen Literatur selbst
finden sich häufig Spuren derselben, z. B. bei Lindsey (p- 87 passim);
übrigens gilt das Gleiche, wenn auch in weit geringerem Umfang, auch für
Europa (z. B. Frankreich: Pierre Coutras: La Maitresse d’Acier. Roman
d’une auto de course, Motto: „De l’amour, de la volupte, De la vitesse, du
sang. Paris 1927. Pro Arte, Ed.).