Full text : Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

L56

Arten des
Handwerkbetriebes,


Hausindustrie

wiederum mehr zur Unterscheidung nach der Ausdehnung des Geschäftes.
 ;
Wir sahen schon, dass das Handwerk in verschiedener Art betrieben
 wird, als Lohnarbeit, indem der Handwerker in das Haus des
Kunden geht, wie es noch heutigen "Tages bei den Schneiderinnen,
Weissnäherinnen, Flickerinnen üblich ist. Alle Handwerker, welche an
der Ausstattung des Hauses beteiligt sind, müssen natürlich dort einen
Teil oder die ganze Arbeit ausführen. Auf dem Lande kommen noch
jetzt zu gewissen Zeiten nicht nur Maurer und Zimmerleute, sondern
auch Sattler, hie und da auch Fleischer auf den Hof eines Gutes, um
die nötige Handwerksarbeit zu verrichten, was vor einem halben
Jahrhundert in noch viel grösserer Ausdehnung der Fall war. Noch
jetzt wandern in abgelegeneren Gegenden Polens, Russlands, Galiziens, in
der Bukowina u. s. w. der Schuhmacher und Schneider von Hof zu Hof,
um die betreffende Arbeit für das ganze Jahr im voraus auszuführen.
 Schon im Mittelalter bildete sich mehr und mehr heraus, dass
der Handwerker in seiner eigenen Wohnung und zunächst wohl hauptsächlich
 auf Bestellung die Arbeit übernahm, dann auch auf Lager
zum händlerischen Vertrieb. In der neueren Zeit hat sich nun noch
die Entwicklung nach zweierlei Richtung vollzogen; einmal, indem der
Handwerker mit einer grösseren Zahl von Gehilfen und auch Maschinen
 zu arbeiten begonnen hat, indem also der Betrieb einen
grösseren Umfang annahm; die zweite Veränderung liegt darin, dass
der Handwerker mehr und mehr beginnt zugleich Kaufmann zu werden.
 Der Zunftzwang verbot es dem Handwerker, andere als selbstgefertigte
 Ware zu verkaufen, während man heutigen Tages immer allzemeiner
 beobachten kann, dass der Handwerker sogar den grössten
Teil der von ihm in seinem Laden gehaltenen Gegenstände nicht
selbst verfertigt, sondern aus einer Fabrik fertig bezogen hat,
Die dritte Art des modernen Gewerbebetriebes ist die. Hausindustrie,
 oder auch Verlagssystem genannt, Es ist dies ein Zwischending
zwischen den beiden vorhin betrachteten Betriebsarten: ein Grossbetrieb
unter Ausbildung der Arbeitsteilung bei vorwiegender Handarbeit, die
in der Wohnung des Arbeiters selbst ausgeführt wird, der deshalb auch
Heimarbeiter genannt wird. Kin kapitalistischer Unternehmer,
auch Verleger genannt, übernimmt hier die Aufträge von Kunden oder
lässt, wie das meistens der Fall ist, auf Lager arbeiten. Er beschäftigt
sine grössere Zahl von Heimarbeitern, denen er meistens die Muster
und das Rohmaterial, mitunter auch zu verwendende Maschinen und
Geräte, Webestuhl, Strickmaschine etc. liefert. Die Arbeiter werden
nach den abgelieferten Stücken bezahlt. Natürlich giebt es hier eine
grosse Zahl von Variationen, die Abhängigkeit des Einzelnen von dem
Verleger ist bald grösser, bald geringer. Hier und da entwerfen die
Arbeiter selbst Muster, legen sie dem Verleger vor und erhalten darauf
hin Bestellungen, übernehmen auch wohl Aufträge nebenbei von
Anderen, knüpfen besonders direkt Beziehungen zu Handlungsreisenden
 an. Bald arbeitet nur ein Glied der Familie für das Geschäft,
bald eine ganze Anzahl Familienmitglieder, bald werden Gehülfen beschäftigt,
 und es bilden sich besondere Mittelbetriebe heraus, indem
ein kleiner Unternehmer eine grössere Zahl von Arbeitern bei sich beschäftigt,
 um unter Anwendung von Maschinen und unter Arbeits-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.