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II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik.
Nur der kleinste Teil davon hat unbeschränkte Solidarhaft. Für das
Jahr 1902 lagen dem „Allgemeinen Verbände der auf Selbsthilfe be
ruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ Be
richte von 173 Baugenossenschaften vor. Von diesen bauen 22 kleinere
Wohnhäuser für den Erwerb durch die Mitglieder, 100 bauen Häuser
mit Mietwohnungen, 51 betätigen sich in beiden Bichtungen. Das
Betriebskapital aller 173 Genossenschaften war Ende 1902: 61,1 Mill. M.
Die Bauergebnisse waren für 1902 folgende: Zum Erwerbe durch
Mitglieder wurden 164 Häuser, zum Vermieten 257 Häuser hergestellt,
zusammen 421 Häuser, an deren Bau 96 Genossenschaften beteiligt
waren. In 384 dieser Häuser waren 2076 Wohnungen. Bei 415 Häu
sern waren die Herstellungskosten 9.92 Mill. M.
Die Selbsthilfe wird zum Teil unterstüzt, zum Teil durch eigenen
Häuserbau ergänzt seitens einer Beihe gemeinnütziger, d. h. ohne Er-
werbsabsichteu vorgehender Vereine, Gesellschaften und Stiftungen
verschiedener Art. Zum Teil nehmen ihre Leistungen den Charakter
und die Form eigentlicher Wohltätigkeitsakte an. Es ist aber durch
aus möglich — und nicht minder aus manchen Gründen zweckmäßig —,
das nicht als Eegel erscheinen zu lassen. Der Arbeiter, der seine
Arbeitskraft zu verwerten Gelegenheit hat, kann die Miete erschwingen,
wenn sie sich in vernünftigen Grenzen hält, und auch bei den durch
gemeinnützige Organe hergestellten Häusern und Wohnungen müßte in
der Begel die Miete auf der Höhe gehalten werden, daß eine mäßige Ver
zinsung des Anlagekapitals erzielt wird. Dadurch wird nicht nur das be
rechtigte Selbstgefühl des Arbeiters geschont, sondern auch die erweiterte
Bautätigkeit des gemeinnützigen Organs materiell erleichtert. Bei Aktien
gesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung die sich dem
Bau von Arbeiterwohnungen widmen, wird hiernach auch häufig verfahren.
Gemeinnützige Baugesellschaften sind seit Anfang der 40 er Jahre
des 19. Jahrhunderts in England in größerer Zahl entstanden und
finden sich auch in anderen Kulturstaaten. Erwähnt sei hier nur
folgendes. In Belgien, wo nach dem Ausgeführten Baugenossenschaften
selten sind, haben sich in viel größerer Zahl Aktiengesellschaften der
Gewährung von Bauvorschüssen für Arbeiter Wohnungen und dem Bau
entsprechender Häuser gewidmet. Ihre Zahl hat im letzten Jahrzehnt
erheblich zugenommen. Ein dem 6. Internationalen Wohnungskongreß
1902 vorgelegter Bericht beziffert die Aktiengesellschaften, wie folgt:
im Jahre
für Gewährung von Bauvorschüssen
für Arbeiterwohnungen
für Bau von
wohnum
1891
5
1
1895
54
18
1896
62
18
1897
76
19
1898
86
25