Theoretische Vorfragen.
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steht es um die Erkundungsmöglichkeiten des Selbstmordes.
„In der Tat stellen sich schon der genauen Ermittlung der Zahl
der Selbstmorde große, vorerst wohl unüberwindliche Schwie-
rigkeiten in den Weg, die sich aus der Scheu der Angehörigen
vor unbefangener Angabe einer unter Umständen mit kirch-
lichen und gesellschaftlichen Nachteilen verknüpften, zum min-
desien aber lästige Neugier hervorrufenden Tatsache leicht
genug erklären. Noch weit schwieriger ist aber die zahlen-
mäßige Erfassung der doch in erster Linie bedeutsamen Beweg-
gründe des Selbstmordes, die oft genug im Dunkeln bleiben,
zumeist aber auch einen Komplex darstellen, dem mit den rohen
Mitteln statistischer Darstellungsweise nicht beizukommen
ist“ 18. Was man darüber kennt, sind wirklich les causes les
plus ordinaires. So werden in der französischen Ursachen-
statistik der Selbstmorde die häuslichen Zwiste und unglück-
liche Liebe als primäre, Lebensüberdruß als sekundäre Motive
genannt1%, Es ist richtig, aber genügt auch nicht, wenn Messe-
daglia die Grundursache des Übels in der Verfeinerung der
modernen Kultur erblickt2°%. Heute beginnt man endlich, die Ur-
sachenforschung der Selbstmorde grundsätzlich als ein nicht
nur moralstatistisch unmögliches Verfangen anzusehen ?!, Eben-
sowenig wird angenommen werden können, daß es einer Moral-
statistik als Geschlechtssittlichkeitsstatistik gegeben sein könnte,
die angedeuteten Schwierigkeiten zu beheben.
18 Sigmund Schott, Statistik, 3. Aufl., Leipzig 1920, Teubner, S. 115.
116.
19 Alfred de Foville, La France &conomique. Statistique raisonn6e
et comparative, Paris 1887, Colin, p. 38.
20 Enciclopedia Giuridica Italiana. Milano. Soc. Ed. Libr., vol. XV,
Parte 3, p. 686.
2 Ferdinand Tönnies, Artikel Moralstatistik, im Handwörterbuch der
Staatswissenschaften. 4A. Aufl., Jena 1925, Fischer, Bd. VI, S. 644.