Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil. 
jährige, sondern als für ihr Tun und Lassen verantwortliche, 
vollmenschliche Persönlichkeit betrachtet wird, ist die Anzahl 
unehelicher Geburten in der Regel höher, wenn schon, wie 
wir bereits an anderen Stellen dieser Arbeit gesehen haben, 
Gewöhnung und allmähliche Selbstdisziplin hiergegen als 
Gegentendenzen aufkommen können®%. Der Kontakt mit dem 
Leben muß bei der Beschaffenheit unserer Physis der Sexual- 
moral gefährlich werden. Das einzig wirksame Mittel, das Vor- 
kommen unehelicher Natalität zu verhindern, ist immer noch 
das Gefängnis oder das Gynäzeum. Es kann deshalb ohne große 
Übertreibung die Behauptung aufgestellt werden, daß die 
Sexualmoral, soweit sie an der Höhe der Zahl der unehelichen 
Geburten gemessen wird, oft im umgekehrten Verhältnis zu 
dem Grad des in den einzelnen Ländern herrschenden Gefühles 
für persönliche Würde steht. Da die Freiheit, welche die Frau 
genießt, indes fast stets der natürliche Ausfluß der Achtung 
und des Vertrauens ist, die man ihr entgegenbringt und die 
ihrer völligen Menschwerdung erst die Wege ebnet, so kann 
man sagen, daß Kultur und ein gewisser Grad von sexueller 
Ungebundenheit hier zusammenfallen?. Natürlich immer nur 
unter der Voraussetzung, daß sich auch in der Freiheit die 
E10 a 0 nes Bacher 
90 Dieses klar erkannt und mit treffsicheren Worten ausgesprochen zu 
haben, ist das große Verdienst Moli&res, der einer seiner weiblichen Fi- 
guren die Worte in den Mund legt: „En effet, tous ces soins sont des 
choses infimes. Sommes-nous chez les Tures, pour renfermer les femmes? 
Car on dit qu’'on les tient esclaves en ces lieux. Et que c’est pour cela 
qu’ils sont maudits de Dieu, Notre honneur est, monsieur, bien sujet ä 
faiblesse, S’il faut qu'il ait besoin qu'on le garde sans cesse; Pensez-vous, 
Apres tout, que ces precautions Servent de quelque obstacle & nos inten- 
ons? Et, quand nous nous mettons quelque chose ä& la tete que l’homme 
le plus fin ne soit pas une bete? Toutes ces gardes-lä sont visions de fous; 
Le plus sür est, ma foi, de se fier en nous.“ (Moliegre, L’Ecole des Maris. 
(Euvres Complöetes, Nouv. Kd., Paris, Garnier, vol. I, P- 276.) Daß 
Moliere schon 166r eine derartige Auffassung vom Menschentum der Frau 
kampflos aussprechen konnte, zeugt zugleich von der Tatsache, daß zu 
seiner Zeit die französische Frau schon höher entwickelt war als etwa ihre
	        
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