Full text: Das Jungdeutsche Manifest

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unbeugsamen formalen Bestimmungen zog sie die Grenze zwischen 
denen, welche dieser Kaste angehören durften, und denen, welchen der 
Eingang verschlossen blieb. Wer durch diese formalen Bestimmungen 
rusgeschlossen war, konnte die Schranken nur mit der Macht neu— 
erworbenen Geldes überschreiten. Materielle Güter waren es also ge— 
vorden, welche im Gegensatz zur Lehre Kaiser Wilhelms J. den Ein— 
zang zu einer bedeutenden „Stellung in Staat und Gesellschaft“ 
bedingten. 
Die Gesetze der Kaste gingen so weit, daß sie sogar die Verehe— 
lichung ihrer Mitglieder unter den Zwang von Vorschriften stellten. 
Die Wahl einer durch Geld geadelten Frau wurde ertragen, während 
die Wahl der Frauen aus den ältesten Familien des Landes, soweit 
sie den formalen Vorschriften nicht entsprachen, den Ausschluß aus 
der Kaste zur Folge hatte. Dem Ungeist dieser Kaste, ihrer Über— 
bewertung des Geldes und ihrer hohlen Formengewandtheit, fielen 
sogar der Offizierstand und die Nachkommen vieler akademischer Bünde 
zum Opfer, deren Väter noch auf den Barrikaden des Freiheits- 
lampfes gegen die höfische Ordnung gestanden hatten. 
Das Schicksal jeder Kaste ist Entartung und Mittel— 
mäßigkeit. 
Wenn die erbtätige Zugehörigkeit zu einer Kaste eine lebens— 
sichere und an Ehren reiche Laufbahn von vornherein bestimmt, so 
wird der Antrieb zur Leistung getötet. Der Trieb zur Sicherung der 
eigenen Lebensführung, ihrer Bedürfnisse und Wünsche, äußert sich 
nicht mehr in der Selbstertüchtigung zu höchster Leistung, sondern in 
der Befestigung der Macht und der Vorrechte der Kaste selbst. Die 
deistung als Triebmittel innerhalb des Lebens der Kaste stellt nur 
eine vorübergehende Blütezeit dar. Hervorragende Führer können 
zeine solche Blütezeit einer Kaste schaffen. Der allgemeine Trieb einer 
Kaste bleibt aber stets der Schutz der Mittelmäßigkeit. Wo Leistung 
die Zugehörigkeit bestimmt, überwiegen die Leistungsfähigen. Wo aber 
das Erbe an Besitz und Würden über die Zugehsrigkeit entscheidet, 
überwiegen die Mittelmäßigen. Der Widerstand der Mittelmäßigen 
gegen die Fähigen ist ein Urtrieb menschlicher Schwäche. Die Mittel- 
mäßigen einer Kaste drängen am meisten nach der Erweiterung ihres 
Einflusses, damit auch sie desselben teilhaftig werden. 
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