Full text: Das Jungdeutsche Manifest

muß es auch die Gemeinschaft sein, welche sie wieder gebiert, nachdem 
sie verlorengegangen waren. Wenn die deutschen Menschen gezwungen 
verden, in Gemeinschaft zu leben, dann ist es auch kein Zweifel, daß 
dieses Gemeinschaftsleben sie zur Veredelung ihrer kulturellen Güter 
zwingt. Alle bösen Eigenschaften, alle Begriffe von Tugend, Recht 
uind Freiheit müssen in der Gemeinschaft zu klärendem Kampfe 
drängen, denn die Gemeinschaft ist nicht möglich in Unklarheit und 
Verworrenheit. 
Im Gemeinschaftsleben stoßen die großen Fragen: 
Zerstörung oder Aufbau, Recht oder Unrecht, Freiheit 
»der Unfreiheit in der Praxis aufeinander. 
Die praktischen Fälle treten täglich und stündlich wie die Symbole 
großer Theorien in den Vordergrund. Der Lebenswille der Gemein⸗ 
schaft duldet keinen Aufschub und keine Beschwichtigung. Es gibt nur 
ein „Ja“ oder ein „Nein“. Der Führer einer Gemeinschaft ist ge— 
zwungen, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Die unab— 
wendbare Praxis zwingt ihn zur Niederschrift eines Katechismus für 
einen ehrbaren Diener der Gemeinschaft. Seine Entscheidung ist vor⸗ 
geschrieben durch seine Pflicht, die Gemeinschaft zu erhalten. Alle 
Finzelfälle sind Glieder einer Kette. Die Kette, mit der er die Men⸗ 
schen seiner Gemeinschaft verbinden muß, ist ein feststehendes Ding. 
Der Führer einer Gemeinschaft ist gezwungen, alle sittlichen Begriffe, 
wie Treue, Wahrhaftigkeit, Mannesehre und Pflichttreue stets von den 
gleichen Gesichtspunkten zu betrachten. Er wird zur Folgerichtigkeit 
seiner Anschauung einfach gezwungen. Er muß sich zu allen erhebenden 
und erhaltenden Begriffen staatsbürgerlicher Sittenlehre bekennen, oder 
er kann den Nachweis seiner Fähigkeiten als Gemeinschaftsführer nicht 
erbringen. Untertanentum stumpft ab und erniedrigt. Die Masse ver— 
dirbt. Die Gemeinschaft erhebt. Die Gemeinschaft ist die Wiege 
der staatsbürgerlichen Tugenden. Sie kann der Verderbnis nicht Raum 
geben um ihrer selbst willen. 
So sieht der jungdeutsche Gedanke die Begründung 
des neuen Wertes im deutschen Menschen im Gärungs— 
prozeß eines Gemeinschaftslebens, zu welchem der 
Volksstaat der Zukunft den deutschen Staatsbürger 
wingt. 
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