352
Vierter Abschnitt
sich das Gesetz vom Kapital diktieren lassen muß. Daher die merk-
würdige Erscheinung in der Geschichte der modernen Industrie, daß
die Maschine alle sittlichen und natürlichen Schranken des Arbeits
tages über den Haufen wirft. Daher das ökonomische Paradoxon [die
Ungereimtheit], daß das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeits-
zeit in das unfehlbarste Mittel umschlägt, alle Lebenszeit des Arbeiters
und seiner Familie in verfügbare Arbeitszeit für die Verwertung des
Kapitals zu verwandeln. „Wenn“, träumte Aristoteles, der größte
Denker des Altertums, „wenn jedes Werkzeug auf Geheiß, oder auch
vorausahnend, das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie
des Dädalus Kunstwerke sich von selbst bewegten, oder die Drei
füße des Hephästos aus eigenem Antriebe an die heilige Arbeit
gingen, wenn so die Weberschiffe von selbst webten, so bedürfte €
weder für den Werkmeister der Gehilfen, noch für die Herren der
Sklaven.‘ Und Antipatros, ein griechischer Dichter aus der Zeit
des Cicero, begrüßte die Erfindung der Wassermühle zum Mahlen
des Getreides, diese Elementarform aller produktiven Maschiner1®
als Befreierin-der Sklavinnen und Herstellerin des goldenen Zeit
alters! „Die Heiden, ja die Heiden!“ Sie begriffen, wie der g®
scheite Bastiat entdeckt hat und schon vor ihm der noch klügere
MacCulloch, nichts von politischer Oekonomie und Christentum. Sie
begriffen unter anderm nicht, daß die Maschine das probateste [be
währteste] Mittel zur Verlängerung des Arbeitstages ist. Sie ent
schuldigten etwa die Sklaverei des einen als Mittel zur vollen mensch-
lichen Entwicklung des andern. Aber Sklaverei der Massen pre“
digen, um einige rohe oder halbgebildete Emporkömmlinge zu „em
nent spinners“ [hervorragenden Spinnern], „extensive sausag®
makers‘“ [Wurstfabrikanten großen Stils] und „influential shoe black
lealers“ [einflußreichen Schuhwichshändlern] zu machen, dazu
iehlte ihnen das spezifisch christliche Organ.
155 F, Biese: „Die Philosophie des Aristoteles. Berlin 1842“, Bd. Il,
SS. 408.
'56 Ich gebe hier die Stolbergsche Uebersetzung des Gedichts, weil ®
ganz so wie die früheren Zitate über Teilung der Arbeit den Gegensatz de”
antiken Anschauung zur modernen charakterisiert:
„Schonet der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet
Sanft! es verkünde der Hahn euch den Morgen umsonst!
Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen,
Und itzt hüpfen sie leicht über die Räder dahin,
Daß die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen,
Und im Kreise die Last drehen des wälzenden Steins.
Laßt uns leben das Leben der Väter, und laßt uns der Gaben
Arbeitslos uns freun, welche die Göttin uns schenkt.“
{„Gedichte aus dem Griechischen übersetzt von Christian Grat zu Stol
berg. Hamburg 1782.“)