Full text: Der Produktionsprozeß des Kapitals (1.1928)

60 II. Teil. Frankreich. 
  
3. Kapitel, 
Der Feind als Prozeßpartei!). 
Die Frage, ob der Angehörige eines feindlichen Staates das Recht 
hat, als Partei vor Gericht aufzutreten, ist ‚in Frankreich lebhaft disku- 
tiert worden. Am 30. November 1915 hat die Anwaltskammer in Paris 
auf Antrag des Ex-Ministers Millerand beschlossen, daß kein avocat a 
la Cour de Paris seine Hilfe einem Angehörigen eines mit Frankreich 
im Krieg stehenden Staates leihen darf, es sei denn, daß er hierzu be- 
auftragt oder ermächtigt wurde durch den Bätonnier 2). 
Der Beschluß lautet wörtlich: 
Le conseil: 
Considerant que la guerre, dans les conditions surtout ou la pratique l’empire 
allemand, commande de s’abstenir jJusqu’A la fin des hostilit& de tous rapports avec un 
sujet d’une puissance en guerre avec la France; 
Considerant qu'il appartient au barreau de donner Vexemple de la soumission 
aux exigences du patriotisme, ne fussent-elles pas inserites dans un texte de loi; 
Considerant, d’autre part, que le premier devoir de l’ordre est, quelles que soient 
les circonstances, d’assurer la defense; * 
Considerant enfin que, parmi les sujets des Puissances en guerre avec la France, 
il en est qu'il serait injuste de traiter en ennemi; que seul le chef de Pordre a qualite 
et autorit6 pour faire les distinetions NEcessaires; 
Considerant qu'il sied de consacrer, sous la forme d’un arrete, les principes qui, 
depuis le debut des hostilites, ont inepir6 la conduite des membres du barreau: 
Arrete: 
Aucun avocat A la cour de Paris ne peut accorder son concours A un sujet d’une 
puissance en guerre avec la France, s’il n’est commis ou g’il n’y est autoris6 par Mile 
bätonnier. 
Die Kammer der Avoues hatte schon am 12. November 1914 ein 
Rundschreiben an die Kollegen mit folgenden Instruktionen geschickt: 
„Die rechtliche Situation der Deutschen und Österreich-Ungarn, wie sie sich 
aus dem Dekret vom 27. September 1914 ergibt, erlaubt weder die Einleitung noch die 
Fortsetzung von rechtlichen Schritten gegen sie. Sie haben weder die Fähigkeit, noch 
die Möglichkeit sich zu verteidigen. Die pendenten Prozesse, in welchen sie Kläger 
sind, müssen sistiert werden; diejenigen, in welchen sie Beklagte waren, können nur 
fortgesetzt werden gegen einen Sequester als mandataire ad litem. Die Zwangsvoll- 
Streckungen gestützt auf Urkunden oder Urteile könren mit Genehmigung des Gerichts- 
präsidenten ebenfalls nur durchgeführt werden gegen einen Sequestar, der besonders 
autorisiert ist, die betreffenden U. rkunden in Empfang zu nehmen.“ 
Edouard Clunet äußerte in „Le Temps“ vom 5. Januar 1915 und 
3. Mai 1916 die Ansicht, daß auch ein „feindlicher“ Staatsangehöriger 
das Recht als Partei vor Gericht aufzutreten, trotz des Dekretes vom 
  
  
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1) Siehe eingehender Reulos a. a. O. Seite 214, 411. 
*) Vor dem Conseil des Prises wird gleichwohl ohne weiteres ein bei diesem Ge- 
richt zugelassener französischer Anwalt deutsche Interessen vertreten. Er braucht‘ sich 
dabei nicht einmal durch eine Vollmachts-Urkunde als Anwalt der deutschen Partei 
auszuweisen. 
 
	        
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