Siebter Abschnitt.
während der Hunger nicht nur ein friedlicher, schweigsamer, unauf-
hörlicher Druck, sondern als natürlichstes Motiv zur Industrie und
Arbeit die machtvollste Anstrengung hervorruft.“ Alles kommt also
darauf an, den Hunger unter der Arbeiterklasse dauernd zu machen,
und dafür sorgt, nach Townsend, das Bevölkerungsprinzip, das be-
sonders unter den Armen tätig ist. „Es scheint ein Naturgesetz, daß
die Armen zu einem gewissen Grade leichtsinnig (improvident)
sind (nämlich so leichtsinnig, auf die Welt zu kommen ohne goldene
Löffel im Mund), so daß stets welche da sind (that there always
may be some) zur Erfüllung der niedrigsten, schmutzigsten und ge-
meinsten Funktionen des Gemeinwesens. Die Summe mensch-
lichen Glückes (the fund of human happiness) wird dadurch sehr
vermehrt, die Delikateren (the more delicate) sind von der Plackerei
befreit und können höherem Beruf usw. ungestört nachgehen. .. -
Das Armengesetz hat die Tendenz, die Harmonie und Schönheit, die
Symmetrie und Ordnung dieses Systems, welches Gott und die Natur
in der Welt errichtet haben, zu zerstören.“ ® ,
Fand der venetianische Mönch in dem Schicksalsschluß, der das
Elend verewigt, die Existenzberechtigung der christlichen Wohltätig-
keit, des Zölibats, der Klöster und frommen Stiftungen, so findet im
Gegenteil der protestantische Pfründner darin den Vorwand, die
englischen Armengesetize zu verdammen, kraft deren der Arme ein
Recht auf kärgliche öffentliche Unterstützung besaß.
„Der Fortschritt des gesellschaftlichen Reichtums“, sagt Storch,
„erzeugt jene nützliche Klasse der Gesellschaft . .. welche die lang-
weiligsten, gemeinsten und ekelhaftesten Beschäftigungen ausübt, in
einem Worte alles, was das Leben Unangenehmes und Knechtendes
hat, auf ihre Schultern nimmt und eben dadurch den andern Klassen
die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und.die übliche (das ist gut!)
Charakterwürde (dignit6& conventionelle) verschaflt usw.“* Storch
fragt sich, welches denn eigentlich der Vorzug dieser kapitalistischen
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% „A Dissertation on the Poor Laws. By a Wellwisher of Mankind
(The Reverend Mr. J. Townsend), 1786“, republished London 1817, p. 15
39, 41. Dieser „delikate‘“ Pfaffe, dessen eben angeführte Schrift, nebst seiner
Reise durch Spanien, Malthus oft seitenlang abschreibt, entlehnte den größten
Teil seiner Lehre aus Sir J. Steuart, den er jedoch verdreht. Zum Beispiel
wenn Steuart sagt: „Hier, in der Sklaverei, existierte eine gewaltsam®
Methode, die Menschheit arbeitsam (für die Nichtarbeiter) zu machen. ... -
Die Menschen wurden damals zur Arbeit (das heißt zur Gratisarbeit für
andere) gezwungen, weil sie Sklaven von andern waren; die Menschen sind
jetzt zur Arbeit (das heißt zur Gratisarbeit für Nichtarbeiter) gezwungeB,
weil sie die Sklaven ihrer eigenen Bedürfnisse sind“, so schließt er deswegen
nicht, wie der fette Pfründner, daß — die Lohnarbeiter stets am Hunger-
tuch nagen sollen. Er will umgekehrt ihre Bedürfnisse vermehren und die
wachsende Zahl ihrer Bedürfnisse zugleich zum Sporn ihrer Arbeit für „die
Delikateren“ machen.
2. Storch: „Cours d’Economie Politique, &d. Petersbourg 1815“, vol. IIL
p. 223,