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Und wenn sich auf religiösem Gebiete jene gewaltige reformatorische
Bewegung in Luthers Tagen mit überraschender Schnelle durchsetzte, so
haben wir auch das vor allem den deutschen Städten zu danken.
brigens stand es auch vuther fest, daß nur vom Bürgertum die
feste Grundlage moderner deutscher Bildung geschaffen werden könne. —
Schließen wir diese Gedankenreihe mit einer Schilderung Luthers, die uns
die Regsamkeit jener Zeiten äuf allen Gebieten aufs anschaulichste zeigt.
Er schrieb 1521:
„So jemand lieset alle Chroniken, so findet er von Christus Geburt an dieser
Welt in diesen hundert Jahren gleichen nicht, in allen Stücken. Solch Bauen und
Pflanzen ist nicht gewesen so gemein in aller Welt; solch köstlich und mancherlei
Essen und Trinken auch nicht gewesen so gemein wie es itzt ist. So ist das Kleiden
so köstlich geworden, daß es nicht höher mag kommen. Wer hat auch je solch
Kaufmannschaft gelesen, die itzt umb die Welt fähret und alle Welt verschlinget?
So steigen auf und sind aufgestiegen allerlei Künste: Malen, Sticken, Graben, daß
es sint Christus Geburt nicht gleichen hat. Dazu sint itzt solch scharf, verständige
Leut, die nichts verborgen lassen, also auch, daß itzt ein Knabe von zwenzig Jahren
mehr kann, denn zuvor zwenzig Doctoren gekunnt haben.“
In der Tat, man versteht es, daß man in dieser Zeit jauchzend
ausrief: „O Jahrhundert! O Wissenschaft! Es ist eine Freude zu leben;
die Studien blühen, die Geister regen sich!“
Doch nun zur Verfassung dieser Städte und ihrer wirtschaftlichen
Organisation. Gerade hier lag ihre eigentümliche Kraft. Handel und
Gewerbe war das Lebenselement der Städte. In Innungen und Zünften
waren Kaufleute und Handwerker zusammengeschlossen. Als Ziel galt
allgemein, daß jeder einzelne in selbständiger Tätigkeit und durch eigene
Arbeit ein dem Stande entsprechendes und ausreichendes Einkommen er⸗
reichen sollte; darauf zielte die öffentliche, städtische und zünftische Gesetz⸗
gebung hin. Jedem einzelnen sollte möglichst sein Lebensunterhalt
garantiert sein. Zwar wurde durch diese Idee des gemeinen Besten
die aufwärts strebende Tüchtigkeit der einzelnen Persönlichkeit zugunsten
der Allgemeinheit gehemmt, aber es ergab sich doch der außerordentliche
Vorteil, daß eine breite Schicht Wohlhabender entstand. Die großen
Vermögen waren seltenste Ausnahmen. Infolge dieser günstigen Verteilung
des Gesamteinkommens erreichte in der Tat der allgemeine Wohlstand
des deutschen Bürgertums im Mittelalter eine solche Höhe, wie wir sie
uns nur fuͤr die blühendsten Epochen irgend einer uns bekannten Kultur
vorstellen können. Und aus dieser echt deutschen genossenschaftlichen Idee
des gemeinen Besten erwuchs auch auf politischem Gebiete für den
weiteren Kreis der Gesamtstadtgemeinde derselbe Gedanke: daß jeder
einzelne mit Gut und Blut für die Stadt einzutreten habe und daß die
Gesamtheit ihn schützen müsse. Es war eine allgemeine Solidarität des
Bürgertums in Wehrpflicht und Steuerpflicht. Jeder schien entschlossen,
„Lieb und Leid miteinander zu dulden bei der Stadt und wo
es not wäre“.