Full text : Wirtschaftliche und politische Betrachtungen zur Alten und Neuen Welt

30

Nomadentum im Amerikaner kommt in der im Westen gebräuchlichen
 Anwendung des Verbes “to stop’” zum Ausdruck, das dor!
die Stelle von “to stay”” oder “to live” vertritt — so die Frage:
where does he stop” —, gerade als ob es sich auch beim
Wohnen nur um ein kurzes Anhalten, um eine „Fahrtunter-_brechung‘“
 handelte 34).
An Staatsverfassung und Staatsgesinnung ist der Unterschied
zwischen dem gegenwärtigen Amerika und dem gegenwärtigen
Italien anscheinend groß. Anscheinend sind beide Staaten hierin
sogar diametral verschieden.
Dem durchschnittlichen Amerikaner ist ein Kulturstaat ohne
Preßfreiheit nicht denkbar. Der Faschismus in Italien ist ihm
daher entweder anormale Unterdrückung eines freien oder normaler
 Ausdruck eines unfreien Volkes. Daß drei Viertel und in
manchen Städten fünf Fünftel der amerikanischen Presse ruhig
unterdrückt werden könnten, ohne daß der Kulturcharakter Amerikas
 im geringsten darunter Einbuße erleiden würde, ja daß er
dadurch sogar beträchtlich gewinnen würde, leuchtet auch jedem
Deutschen oder Franzosen in Amerika ein.
Amerika ist eine Demokratie. Sombart hat ausgerechnet, daß der
durchschnittliche amerikanische Bürger jährlich etwa 22mal zu
Wahlakten aufgerufen wird 56), Desto mehr nimmt es wunder, daß
auf den amerikanischen Universitäten kein politisches Leben blüht.
Auf französischen Universitäten tummeln sich, bisweilen in heftigem
 Kampfe miteinander, katholische und republikanische, royalistische
 und sozialistische Studenten. In Italien war es vor dem Eintreten
 des Faschismus ähnlich. In England hat die Nachkriegszeit
ebenfalls die Politik auf das Podium der Universitäten und selbst
in‘ die Säle der besten Colleges eingeführt. In Deutschland
herrschte, etwa von Berlin abgesehen, bis 1918 Grabesstille. Aber
der Sturz des Kaisertums hat auch hier die Studentenschaft mit
politischen Idealen und politischer Unduldsamkeit erfüllt. In
Amerika aber verhält sich auch heute noch der Student politisch
völlig uninteressiert. Keinerlei politische Vereine oder Verbindungen
 stören das Gleichmaß des amerikanischen Studentenlebens.
Die Ursachen hierfür sind verschiedene. Einmal ist der amerikanische
 Student ein gar fleißiger Kollegbesucher und macht. von
der akademischen Freiheit weıt weniger Gebrauch als sein kontinentäler
 europäischer Kollege. Er ist überhaupt in vieler Hinsicht
mehr Schüler. . Das „Schwänzen‘‘ wird ihm ohnehin schon deshalb
weniger leicht gemacht, weil wohl die Mehrzahl der Professoren
zu Beginn der Stunde das Namenregister zu verlesen pflegt.
Zweitens reißt, wie schon angedeutet, der Sport ein großes Loch in
die Zeit der amerikanischen Studenten. Endlich sind aber auch die
amerikanischen Parteien selbst wenig geeignet, sich der Seele des
Zungen Mannes zu bemächtigen. In Amerika herrscht zwar be-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.