Man hat Morgans Persönlichkeit oft mit der Theo-
dore Roosevelts verglichen, denn beide waren Herren-
menschen, die ungünstige Umstände überwanden und
Gegnerschaft nicht nur besiegten, sondern zerschmet-
terten. Jeder von beiden hat bewiesen, daß er ge-
heimnisvolle, unbewußte Kräfte besaß, die erstaunliche
Wirkungen hervorrufen konnten. Aber darüber hin-
aus ist wenig Ähnlichkeit zwischen beiden.
Das persönliche Reklamebedürfnis, die Eitelkeit des
Politikers fehlen bei dem Finanzmann vollkommen und
sind durch ihr Gegenteil ersetzt, eine angeborene Ab-
sonderung und eine ebenso bestimmte und in seiner
Natur verwurzelte Abneigung gegen jedes Posieren
vor der Öffentlichkeit. Wenn es einen einzigen Men-
schen in den Vereinigten Staaten gab, der niemals Ge-
legenheit gehabt hatte, Roosevelt die Hand zu schüt-
teln, dann war es ganz gewiß nicht Roosevelts Schuld.
Jeder wußte, wie freundlich, ja freundschaftlich er
gegen alle Welt war. Er freute sich über jede Be-
kanntschaft, mochte es sich handeln, um wen es
wollte, daraus entstand Popularität. Aber es braucht
nicht erst betont werden, daß es Leute gibt, die diese
Veranlagung nicht zeigen können, selbst wenn sie wol-
len, und andere, die es nicht wollen, selbst wenn sie
können. Das hat mit dem Beruf nichts zu tun. E. H.
Harriman kannte jeden in Wall Street und jeder kannte
ihn. Jay Cooke, Morgans Vorgänger auf dem Feld der
Hochfinanz, konnte sich in bezug auf persönliche Re-
klame wohl mit P. T. Barnum messen. Andererseits
gibt es Diplomaten genug, deren Art, sich zu geben, das
Blut in den Adern eines Besuchers gefrieren läßt. Es
ist nicht eine Frage des Berufs, es ist eine Frage des
Stolzes. Morgan war viel zu stolz, um etwa ein guter
Demokrat genannt zu werden. Wenn der Erfolg seiner
Laufbahn auch nur im geringsten von der Fähigkeit,
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Mordan
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