Full text: John Pierpont Morgan, der Weltbankier

I. Abschnitt. Allgemeine Lehren. B 
Zentralmächte haben nur eine geringfügige Schuld im Auslande 
lande kontrahiert. Die Ententestaaten dagegen haben große Beträge 
im Auslande aufgenommen, dem sie also jährlich bedeutende Summen 
zu zahlen haben. Der größte Teil der Schulden der Entente an 
das Ausland diente zur Deckung der dortigen Einkäufe an Munition, 
Lebensmitteln, Schiffen usw.; es hat also keine Übertragung von Geld- 
mitteln stattgefunden, sondern nur eine Transaktion, indem der 
Schuldnerstaat nicht den Produzenten, sondern den Geldleihern 
obligiert ist. Auch sonst haben die Anlehen tief ins wirtschaftliche 
Leben eingegriffen, wie wir dies weiter unten eingehender unter- 
suchen werden. Nur mit Hinsicht auf die phantastische Ausdehnung 
des Staatskredits liegt der Schluß nahe, daß diese fast wahnsinnige 
Ausdehnung des Staatskredits ein gewichtiges Veto gegen Staats- 
schulden bildet, ganz abgesehen davon, daß diese kolossale Aus- 
dehnung nur dem Geist der Vernichtung diente und kaum andere 
Resultate hinter sich gelassen hat, als die Verarmung Europas. Die 
historisch entwickelten Formen des Staats- und Gesellschaftslebens 
sind in der Weise untergraben, daß ein Retablissement kaum denk- 
bar ist, wenigstens für lange Zeit nicht. Dies hätte jedenfalls ein 
Zustand, der dem Staatskredit engere Grenzen gesetzt hätte, ver- 
hindert und wir stehen nicht an zu behaupten, daß wir die eventuell 
sich ergebenden politischen Folgen als weniger gefährlich betrachten, 
als jenes Resultat, wonach ein großer Teil der männlichen Be- 
völkerung auf dem Schlachtfelde modert, ein Teil auf dem Siechen- 
bett ruht, der übrige verarmt, weite Landesgebiete verwüstet und 
verödet, wirtschaftliche, kulturelle und ethische Werte vernichtet 
sind, zu Nutz und Frommen einiger Politiker und Heereslieferanten. 
Die Schwierigkeit der Regelung der interalliierten Schulden der 
Entente drückt schwer auf die europäische Volkswirtschaft und ist 
überdies ein gefährliches politisches Moment. 
6. Die Grenznutzentheorie. Die Grenznutzentheorie hat 
es versucht auch von ihrem Standpunkte die Erscheinungen des 
Staatskredits zu erklären (Sax, Ricca-Salerno usw.). Natürlich 
ist auch der Staatskredit jenem allgemeinen Wertgesetz unterworfen, 
wonach die Wirtschaft nach der höchstmöglichen Steigerung des 
Wertes trachtet. Wie in der Privatwirtschaft, so treten auch in 
der Staatswirtschaft außerordentliche Bedürfnisse auf, welche Be- 
friedigung heischen. Diese außerordentlichen Bedürfnisse erfordern 
eventuell solche Opfer, welche nur dann gebracht werden können, 
wenn andere Bedürfnisse nicht befriedigt werden und wenn das 
neue Bedürfnis große Opfer erfordert, müssen eventuell wichtige 
Bedürfnisse unterdrückt werden. Hier tritt nun der Staatskredit 
Földes, Finanzwissenschaft. 2. Aufl. 
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