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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
Die vorstehenden Mitteilungen beweisen, das in dem Volkswirtschaftlichen Kongresse
von Anfang an die verschiedensten Richtungen, Anschauungen und Interessen vertteten
gewesen sind. Der Kongreß hatte kein ihn bindendes Programm ausgestellt, sondern
sich nur zu dem Grundsatz bekannt, daß man durch ehrlichen Meinungskampf mit
Gründen und Tatsachen ernstlich nach Wahrheit ringen und das Gemeinwohl praktisch
fördern müsse. Es ist ihm mit Anrecht vorgeworfen worden, daß er eine freihändlerische
Vereinigung gewesen sei. Er war ein Vereinigungspunkt für Theoretiker und Prak
tiker der verschiedensten Richtungen zur Beleuchtung und öffentlichen Erörterung volks
wirtschaftlicher Fragen. Es sind auf verschiedenen volkswirtschaftlichen Kongressen,
z. B. in Stuttgart und München, schutzzöllnerische Beschlüsse gefaßt worden. Die
Verdienste des Kongresses beruhen nicht auf seinen Beschlüssen, sondern auf den von
ihm veranlaßten Berichten, Enqueten und Verhandlungen. Seine Arbeiten und Vor
schläge haben in der neueren deutschen Gesetzgebung die umfassendste Berücksichtigung
gefunden und sind in den Motiven vieler neuen Gesetze oft wörtlich enthalten. Er
ist nicht wegen der Konkurrenz des im Jahre 1873 besonders von Schmoller be
gründeten und seitdem geschickt geleiteten „Vereins für Sozialpolitik" eingegangen,
sondern weil der letzte Vorsitzende der ständigen Deputation, Dr. Karl Braun,
wohl zum Teil wegen Krankheit und parlamentarischer Äberbürdung, es unterlassen
hatte, die ständige Deputation wiedereinzuberufen und weitere Kongresse vorzubereiten.
Nach dem Tode Karl Brauns hat niemand daran gedacht, einen andern Volks
wirt an seine Stelle zu setzen. Es ist dies im öffentlichen Interesse der Entwickelung
der deutschen Volkswirtschaft zu beklagen, weil der Kongreß Deutscher Volkswirte nicht
bloß „sozialpolitische", sondern überhaupt die verschiedensten volkswirtschaftlichen, ins
besondere auch Fragen, welche Lande! und Schiffahrt und Zollwesen betreffen, zur
Erörterung gezogen hatte. In ganz hervorragender Weise hat er die Lösung der
deutschen Münzfrage gefördert und vorbereitet.
13. Männer des Zentralverbandes Deutscher Industrieller.
Von L. A. Bueck.
B ueck, Der Zentraloerband Deutscher Industrieller i8?e—1901. 1. Bd. Berlin, I. Gutteutag,
1902. S. 208—210.
Die Delegiertenversammlung des Zenttalverbandes Deutscher Jndusttieller wählte am
5. und 6. Oktober 1885 u. a. die Lcrren Geh. FinanzratIencke-Essen und Kommerzienrat
Eugen Langen-Köln in das Direktorium.
Geh. Finanzrat Iencke war aus der Generaldirektton der Königlich Sächsischen
Staatseisenbahnen, in der er die Stellung eines Chefs der Verkehrsabteilung bekleidet
hatte, am 1. Januar 1879 in die Dienste der Firma Fried. Krupp in Essen ein-
getteten. Von dieser wurde ihm der Vorsitz in dem Prokurakollegium der Firma,
das später die Bezeichnung „Direktorium" erhielt, überttagen. In den ersten Jahren
seiner Stellung in der Industrie beschäftigte sich Iencke fast ausschließlich mit den
Angelegenheiten, die ihm aus seiner bedeutenden und verantwortungsvollen Stellung
in der Firma Krupp zufielen. Erst als die sozialpolitischen Fragen auf den Gebieten
der Arbeiterversicherung, des Schutzes der Arbeiter und der Gewerbeordnung die Auf
merksamkeit und Tätigkeit der industriellen und wirtschaftlichen Vereinigungen nach
drücklich in Anspruch nahmen, schloß er sich den bedeutendsten dieser Vereinigungen