144 IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse
Das dürfte der Kern der Elbinger Angaben aus dem 16. Jahrhundert sein,
auf die sich die ältere Meinung stützt. Hier dürfte immerhin ein tieferer Grund
für das Hervortreten Danzigs schon vor der Mitte des 14. Jahrhunderts
liegen?); daneben aber wird die politische Tatsache des Eintritts Danzigs in
den Macht- und Wirtschaftsbereich des deutschen Ordenslandes die wirt-
schaftliche Entfaltung der Stadt ungemein begünstigt, vielleicht überhaupt
erst in nennenswerter Weise ermöglicht haben**). Ein Blick in die Lübecker
Pfundzollbücher von 1368 bis 1370 lehrt, daß damals Elbing im Schiffahrts-
verkehr von und nach Lübeck bereits von Danzig vollkommen überflügelt
war}!9).
Jedenfalls geht seit der Mitte des 14. Jahrhunderts auch die politische
Führung der Ordensstädte von Elbing, der Gründung Lübecks und der tra-
Aitionellen Hüterin einer lübeckisch eingestellten Politik, über auf Danzig.
Im Verhältnis der Ordensstädte zum Orden wie zur Hanse weht seitdem
ein anderer Geist. Das 1308 vom Orden eroberte Danzig stand dem Orden
kühler, rechnender gegenüber, als die alten Ordensstädte; aber auch der
Hanse gegenüber zeigt es sich bald, daß die um die Mitte des Jahrhunderts zur
vollen Kraft erwachende Stadt nicht so sehr mit jener gesamthansischen
Tradition belastet war, wie etwa Elbing. Wenn auch Lübeck und Danzig oft
und meist gemeinsame Politik getrieben haben, so fand doch Lübeck unter
allen Ostseestädten in Danzig den ersten selbständigen Gegenspieler in dem
Augenblick, als die Interessen dieses kraftvollen Gemeinwesens in wesent-
lichen Fragen nicht mehr mit der von Lübeck geleiteten gesamthansischen
Politik zusammenfielen. .
Der Handelsverkehr Preußens, also in steigendem Maße der Handels-
verkehr Danzigs, war seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in erster
Linie nach England gerichtet. Andrerseits war das Ordensland das Ziel einer
starken Handelsbetätigung der Engländer geworden*”). Die wirtschafts-
politischen Maßnahmen Eduards 111. hatten diese Entwicklung entscheidend
heeinflußt.. Denn unter ihm hat sich bekanntlich eine der folgenschwersten
Wandlungen in der wirtschaftlichen Struktur Englands vollzogen. Bis zu
seiner Zeit war England das große Land des Wollexports gewesen; die Ver-
arbeitung der Rohwolle in England selbst trat noch ganz zurück hinter
dem imposanten Umfang der T uchindustrie von Flandern und Brabant.
Eduard I11.war es, der die Übersiedlung flandrischer Weber und flandrischer
Tuchscherer nach England förderte und damit den Grundstein legte zu der
rjesenhaften Entwicklung der modernen Textilindustrie Englands!?). Nicht
als ob damals zum ersten Male im Lande der edelsten Schafwolle Europas
Tuch gewebt worden wäre. Aber: mit der Übersiedlung flandrischer Weber
und Tuchscherer nach England kam eine ungleich höherstehende Art der
technischen Verarbeitung der Wolle nach England und der kaufmän-
nischen Organisation des Tuchvertriebes. Es ist bezeichnend für den