Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

[V. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse: 153 
unlösbare Aufgabe, die auf einer wenigstens theoretischen Gegenseitigkeit 
beruhende Privilegienpolitik der Frühzeit mit einem Wirtschaftssystem 
daheim verbinden zu wollen, das in seinen letzten Konsequenzen nur den 
Bürger der eigenen Stadt als berechtigten Nutznießer des städtischen 
Wirtschaftslebens kannte. Es gehörte schon das ungemeine Geschick 
hansischer Diplomatie dazu, mit dieser Quadratur des Zirkels bis tief ins 
16. Jahrhundert hinein fertig zu werden; dann aber hatte dies Bemühen 
bekanntlich sein Ende. Das gilt nicht nur von den hansischen Beziehungen 
zum Ausland; auch die innerdeutschen Beziehungen wurden durch diesen 
auf die Dauer unhaltbaren Widerspruch vergiftet. Die Entwicklung des Ver- 
hältnisses Lübecks zu Nürnberg, einer Stadt, die gerade ihren stolzen Auf- 
schwung erlebt, als Lübecks Höhe bereits überschritten ist, zeigt deutlich, 
wie unvereinbar wachsende Fremdenfeindlichkeit in der einen Stadt mit 
dem etwas naiven Verlangen war, die freiheitlichen Grundsätze der anderen 
Stadt für die eigenen Bürger zu beanspruchen. Nach langen und zu- 
nehmend verstimmteren Schreibereien zwischen beiden Städten muß Lübeck 
sich 1571 in etwas beschämender Form von Nürnberg darüber aufklären 
lassen, daß man nicht den fremden Kaufmann nach den Grundsätzen des 
Gästerechts schikanieren könne und gleichzeitig in dessen Heimatsort freie 
Handelsbetätigung für den eigenen in Anspruch nehmen. Das, so meinte der 
Nürnberger Rat, sei keine proportio, weder eine proportio arithmetica noch 
zgeometrica?s®). Und damit hatte er offenbar vollkommen recht. Wirtschafts- 
politisch ist die Hanse schließlich an dieser Unmöglichkeit gescheitert. 
Was das Studium hansischer Geschichte so anziehend macht, ist wohl 
letzten Endes die innere Logik dieses Geschehens von seinen Anfängen bis 
zur langsamen, nicht katastrophalen inneren Auflösung. Und die ent- 
scheidende Cäsur innerhalb dieses Geschehens liegt bereits in den 70er Jahren 
des 14. Jahrhunderts. Alle letzten und tiefen Ursachen des Umschwungs 
erweisen sich gerade in dem Augenblicke bereits in ihren Ansätzen wirksam, 
als der äußere Verlauf des Geschehens im Stralsunder Frieden seinen 
glänzenden Höhepunkt erreicht. Ihm voraus geht das furchtbare Memento 
mori des schwarzen Todes, Die Pestjahre bewirkten einen verfrühten Still- 
stand der Kolonisation des Ostens und damit ebbt die Welle ab, die bis 
dahin immer wieder belebend und einigend das Bürgertum vom Niederrhein 
bis nach Reval hinauf in einer erlebten Einheit zusammenhielt. Damit 
treten die örtlichen Sonderinteressen in den Vordergrund. Im Ausland und 
im Reich häufen sich Widerstände und Gefahren. Die Politik des Behauptens 
dessen, was man errungen hat, führt im Inneren der Städte zum Ausbau der 
geschlossenen Stadtwirtschaft. Und dieser innere Strukturwechsel bildet 
letzten Endes die neue Grundlage, auf der die Hanse sich mit erstaunlicher 
Zähigkeit bis ins 16. Jahrhundert zu behaupten verstanden hat.
	        
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