Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

228 VII Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 
Kleinhändler.- Und deshalb die Lehre, das Mittelalter habe keinen eigent- 
lichen Großhandel, namentlich keinen Stand von berufmäßigen Großkauf- 
leuten gekannt. Das ist allerdings richtig: einen scharfen ständischen Ab- 
schluß zwischen Groß- und Kleinhandel hat das 13. und 14. Jahrhundert 
nicht gekannt, auch keinen wirtschaftlichen. Aber: der Hauptakzent 
der Tätigkeit der führenden Kaufmannschaft liegt unbedingt 
im Großhandel und nicht in dem je nach der Lage nebenher ausgeübten 
Gewandschnitt. Wenn schon die Mehrzahl der sogenannten Gewandschneider 
in erster Linie Großhändler waren, so sind obendrein in Lübeck ausschließ- 
liche Großhändler für das 14. Jahrhundert in überaus stattlicher Zahl nach- 
weisbar. 
Um 1370 sind folgende Schichten in allmählichem Übergang untereinander 
festzustellen: 
1. Reine Großhändler. Ihre Zahl hat sich seit dem 13. Jahrhundert sehr 
vermehrt, da, wie wir sahen, die kräftigsten Vertreter des neuen Kaufmanns- 
typs einfach kein Interesse mehr am Gewandschnitt hatten. 
2. Großhändler mit gelegentlicher oder längerer Ausübung des Gewand- 
schnitts. 
3. Kleinhändler (bei denen der Gewandschnitt die Hauptsache ist) mit 
gelegentlichem ‚oder häufigerem eigenen Tucheinkauf in Flandern. 
4. Kleinhändler (Gewandschneider), die ihre Ware beim Lübecker Groß- 
händler einkaufen??). 
Von dieser 3. und 4. Schicht hat der spätere Gewandschneidertyp, der 
Gewandschneider als Hauptberuf, seinen Ausgang genommen?°). 
Doch lassen Sie mich noch einen Augenblick bei der ersten Gruppe, den 
reinen Großhändlern, verweilen. Wir sahen ja, daß bei weitem der Hauptanteil 
an der Tucheinfuhr über Oldesloe in den Händen von Lübecker Großhänd- 
lern landete. Es muß demnach in Lübeck Tuch en gros in stattlichen Mengen 
verkauft worden sein®!). Von solchen Verkäufen weiß nun in der Tat das 
Niederstadtbuch zu berichten und ebenso Wittenborgs Handlungsbuch, 
Diese Nachrichten liegen allerdings etwas früher als 1368, da sich seit 1350 
die Benutzung des Niederstadtbuches gewandelt hat, worauf ich hier nicht 
näher eingehen kann. Wir können es den Brüdern Gallin nicht genug danken, 
daß sie eine der wenigen Firmen waren, die bei den Eintragungen, die sie zur 
Sicherung ihrer Kreditverkäufe im Niederstadtbuch vornehmen ließen, auch 
die Ware mit angaben, wenigstens für die Zeit von 1340 bis 1349. 47 Geschäfts- 
abschlüsse der Firma mit Angabe der verkauften Ware gingen damals durch 
das Niederstadtbuch; selbstverständlich nur ein geringer Teil ihrer gesamten 
Tuchverkäufe. Die Firma betrieb die Einfuhr von flandrischem Tuch, und 
zwar in Spezialisierung auf geringere Sorten. In jenen 47 Abschlüssen haben 
die Brüder Gallin®) 1031 Stück flandrisches Tuch in Lübeck verkauft. Sie 
erbrachten zusammen einen Erlös von 5907 % 1. Auf den einzelnen Abschluß
	        
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