70 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —(528
die Zeit, da in ganz Mitteleuropa wesentlich nur Pfennige oder Denare, später auch Halb—
und Vierteldenare aus Silber geprägt werden. Es ist erstaunlich, daß der Denar, welcher
300 ca. 1,7 Gramm Silber enthielt, 950 im Durchschnitt noch 1,8, 1150 noch 1,4
Gramm hatte; erst im 14. Jahrhundert stellte er sich auf ea. Oo.ß Gramm und darunter.
Wenn man, wie gewöhnlich, die Verschlechterung des Pfennigs auf die Münzrechts—
verleihungen an Bischöfe und andere Große, auf das Selbständigwerden der Grafen in
ihren Münzmanipulationen zurückführt, so hat zwar natürlich die Schwächung der
dentralen Gewalt und die Lockerung der Kontrolle von oben viel dazu beigetragen;
aber allein erklärt dieser Umstand die Erscheinung nicht. Er war auch 901250
vorhanden; warum wirkte er erst später in so starker Weise? Erst von da an, teilweise
noch später, beginnt die rasche Verschlechterung der Denare und wirkt an den ver—
ichiedenen Orten so verschiedenartig. Zu Ende der Hohenstaufenzeit wiegt der Pfennig
wischen 1,4 und 0,86 Gramm und enthält zwischen 975 und 415 Tausendteilen
Feinsilber.
Es will mir scheinen, man müsse zur Erklärung eine Thatsache heranziehen, die
von größter Tragweite war. Alle Pfennigprägung in Mitteleuropa war von 800 bis
gegen 1150 überhaupt eine ganz beschränkte. Man brauchte Pfennige gar lange
eigentlich nur auf dem Jahrmarkt, später auf dem Wochenmarkt in den Städten; die
Technik der Prägung war eine so unvollkommene, daß alle Pfennige in kürzester Zeit
ibgenutzt waren und dann nicht mehr gern genommen wurden; Pfennige anderer Orte
und Märkte wollte niemand annehmen, schon weil man, isoliert lebend, das Gepräge
der gnderen Orte nicht kannte. So entstand zuerst im Anschluß an die Jahrmärkte
die UÜUbung, daß man für jeden Jahrmarkt eine neue Münze prägte; in Schlesien ist
noch im 13. Jahrhundert die Ubung, daß ad tria fora, dreimal jährlich geprägt wird.
Anderwärts wurde es Sitte, zweimal jährlich, dann alle Jahre neue Pfennige mit
anderm Bild zu prägen. Es entstand die Gewohnheit, die bald allgemein zur Rechts—
sitte wurde, daß an jedem Orte, allgemein oder für bestimmte Zahlungen, besonders
die wichtigen, nur die neuen Pfennige des Ortes galten. Wer fremde oder alte Pfennige
brachte oder hatte, mußte sie auf der Münze gegen neue wechseln. Meist mußte man
13 alte für 12 neue Pfennige geben; an fein Silber sollten alte und neue gleich viel halten.
Den Reingewinn, den der Münzherr so machte, hieß man den Schlagschatz; er betrug
3,308/0; forderte man aber gar 16 alte für 12 neue, so stieg er auf 250/0, wie es im
14. Jahrhundert in der Mark Brandenburg üblich war. Die Prägekosten mögen
damals wohl 4-6/0 des Silberwertes durchschnittlich betragen haben; der Gewinn
am Schlagschatz war also ursprünglich nicht übermäßig hoch; in dem Capitular Pipins
aus dem ersten Jahr nach seiner Krönung ist er freilich nur auf den 22. Solidus, also
auf etwa 4,509/0 bestimmt.
Verfuhren also die Münzherren im übrigen redlich, hielten die neuen Denare
dasselbe Silber wie die alten, so war das Recht, die Münzen jährlich zu verrufen und
an ihre Stelle neue zu setzen, nicht notwendig vom Ubel. Es war eine jährliche Be—
teuerung der Besitzer von Münzen, die es den Münzherren ermöglichte, ohne finanzielle
Schädigung, ja mit Gewinn zu prägen, eine Einrichtung, die stets wieder alle alten schlechten
Münzen beseitigte. Aber es war offenbar eine Institution, die nur bei dem geringsten
GBeldverkehr und bei einigermaßen ehrlicher Handhabung erträglich blieb. Das mochte im
zroßen und ganzen bis 1150 und 1200 der Fall sein. Die Geldzahlungen waren wenigstens
nördlich der Alpen noch minimale; die Münzprägung und Überwachung war einfach;
man hatte nur eine einzige Münze, den Pfennig. Die jährliche Verrufung und Um—
wechselung in neue Pfennige war da noch durchzuführen.
Als nun aber die Zahlungen und der Münzbedarf wuchsen, als größere Zahlungen
m Handelsverkehr von Ort zu Ort nötig wurden, und dafür Denare in sehr
großer Zahl begehrt wurden, auch im weitern Umkreis als bisher cirkulierten, da
wurde die jährliche Neuprägung und Verrufung teuer und lästig, da wollten die Besitzer
oon Munzen die jährliche Umwechselungssteuer von 8—–28 Prozent nicht mehr tragen.
Man half sich mit der vom 12.—14. FJahrhundert in Deutschland weit verbreiteten