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Il. Der Markt von Lübeck
Für statistische Folgerungen versagen bei Gruppe B die Kämmereibücher
in den meisten Fällen: denn aus der Angabe etwa der Jahresmiete des
Pelzerhauses ist ebensowenig ein Schluß auf Zahl von Kürschnern und
Buntmachern zu ziehen wie aus den 4 ß, die jeder einzelne Wollenweber
entrichtet. Nun hat aber die Kämmerei bei den Verlosungsterminen der
Gewandschneider, Bäcker und Fleischer auf kleinen Pergamentrollen
Listen über das Ergebnis der Verlosung anfertigen lassen. Derartige Ver-
zeichnisse sind glücklicherweise in weit höherer Zahl erhalten, als bisher
bekannt war. Sie kamen während der Niederschrift dieser Arbeit wieder ans
Tageslicht und konnten hier zum ersten Male der Forschung nutzbar ge-
macht werden. Hier handelt es sich nur um eine statistische Verwertung
dieser Quellen; in Beitrag VII sind die Gewandschneiderlisten auch in-
haltlich genutzt worden.
Die Listen der Bäcker sind bereits oben?!) erwähnt: aus ihnen ergibt sich
etwa für das Jahr 1290 einwandfrei die Zahl 50 als Durchschnittszahl. Nicht
so weit zurück gehen die Verlosungslisten der Fleischhauerplätze: 1370
führt die Pergamentrolle 103, 1376 104 Namen. Nach dem Knochenhauer-
aufstand schrumpfen die Zahlen im Zusammenhang mit den bekannten
Maßnahmen des Rates vom Jahre 13847?) auf etwa 50 Namen zusammen.
Man wird ihre Zahl für das Jahr 1300 mit 100 anzusetzen haben, einschließ-
lich der Kaldaunenverkäufer?®). Die überraschendsten Aufschlüsse geben
aber die neugefundenen Verzeichnisse über Zahl und Verhältnisse der Ge-
wandschneider. Bisher waren von solchen Listen zwei bekannt; die erste
war als zufälliger Rest in die Urkundenbestände hinübergeraten”*). Sie
stammte vom Jahre 1289 und enthielt 25%) Namen von Gewandschneidern
im Erdgeschoß des Gewandhauses. Die zweite bereits bekannte Liste ver-
zeichnet die Namen von 65 Gewandschneidern, die 1374 „sortes‘‘ im Ober-
geschoß des Gewandhauses zugeteilt erhielten. Auf Grund dieser beiden Listen
glaubte Wehrmann, „eine außerordentliche Vermehrung‘ der Gewand-
schneider im 14. Jahrhundert feststellen zu können?®). Nun sind aber für die
Jahre 1289 bis 1403 nicht 2, sondern 33 derartige Listen erhalten, 22 für das
Erdgeschoß des Gewandhauses mit je 20 bis 35 Namen, und 11 für dessen
Obergeschoß?”) mit je 38—116 Namen. Nur dann, wenn für dasselbe Jahr oder
zwei benachbarte Jahre beide Listen, vom oberen und unteren Stock des
Gewandhauses, vorhanden sind, ist ein wirklicher Vergleich möglich. Deshalb
sind in der folgenden Übersicht diese Fälle vorzugsweise berücksichtigt
worden. Soweit nicht andere Quellen besonders angegeben sind, beruhen die
Zahlen der Tabelle auf den Kämmereiverzeichnissen der „sortes pannicida-
rum domus inferioris‘‘ und „domus superioris‘, Für das 13. Jahrhundert
treten allerdings noch die Angaben über die „cellaria ubi exciduntur panni“
hinzu, die mit höchster Wahrscheinlichkeit im Langhaus an der Breiten
Straße, im Erdgeschoß des heutigen Rathauses zu suchen sind”®),